Kornwestheim „Sie haben wirklich, wirklich Glück gehabt“

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Julian Carrasco in der Kornwestheimer Innenstadt: Der spanische SVK-Fußballtrainer erzählt, was seine Verwandten in Sachen Corona berichten. Foto: Marius Venturini

Kornwestheim - Extremadura ist eine der 17 autonomen Gemeinschaften Spaniens, vergleichbar mit den hiesigen Bundesländern. Es gibt viel Ackerbau und Landwirtschaft in der Region, die an Portugal grenzt, Oliven werden angebaut, auch der Schinken ist berühmt. Aus dieser sogenannten Comunidad Autónoma mit ihren gut eine Million Einwohnern stammt Julian Carrasco. Der 57-Jährige kam 1965 als kleiner Bub nach Deutschland, hat nach wie vor Verwandtschaft in Spanien – und sagt: „Sie haben wirklich, wirklich Glück gehabt.“ „Sie“, das sind Carrascos Verwandte, die in Spanien leben.

Julian Carrasco trainiert die Fußballfrauen des SV Kornwestheim. Cousins und Cousinen sind im von der Corona-Pandemie mit aller Härte getroffenen südeuropäischen Land zuhause. Ein Onkel und eine Tante wohnen in der schwer gebeutelten Hauptstadt Madrid. „Aber auch ihnen geht es gut“, berichtet Carrasco, der in den vergangenen Wochen und Monaten den Kontakt zur Verwandtschaft nicht hat abreißen lassen. Er weiß: In Spanien waren sowohl der Verlauf der Pandemie als auch die Gegenmaßnahmen der Regierung um ein Vielfaches härter als in Deutschland.

„Demonstrationen wie zum Beispiel in Stuttgart sind überhaupt nicht denkbar“, sagt er. Denn, wie ihm berichtet wurde, greife die spanische Polizei bei Verstößen gegen die Corona-Anordnungen viel härter durch als in hiesigen Breiten. Seine Verwandten, auch im vergleichsweise moderat betroffenen Extremadura, seien praktisch monatelang komplett eingesperrt gewesen. „Man durfte nur in einem bestimmten Zeitfenster raus und dann auch nur zum Einkaufen oder um zu arbeiten.“ Und wer draußen ohne Mundschutz erwischt worden sei, habe sich sofort eine deftige Geldstrafe eingehandelt.

Auch das Reisen innerhalb des Bundeslandes sei vielerorts untersagt gewesen. So habe man innerhalb Extremaduras zum Beispiel nicht von Badajoz an der Grenze zu Portugal in die gut 60 Kilometer entfernte Communidad-Hauptstadt Merida fahren dürfen. „Meine Verwandten durften sich, auch als die Ausgangssperre gelockert wurde, nur in unmittelbarer Umgebung ihres Wohnortes aufhalten“, weiß Carrasco. Von Verhältnissen wie in Deutschland hätten die Spanier also in vielerlei Hinsicht nur träumen können. Inzwischen sei aber auch in Spanien wieder mehr erlaubt.

Warum das neuartige Coronavirus ausgerechnet seine Herkunftsregion Extremadura nicht mit voller Wucht getroffen hat, vermag Julian Carrasco nur zu vermuten. „Als sie vor vielen Jahren das erste Mal mit mir dort war, hat meine Frau gesagt: ‚Das ist ja fast wie eine Wüste, hier ist ja gar nichts.’ Vielleicht lag es tatsächlich an dieser dünnen Besiedelung.“ In der Tat zählt Extremadura zu den Gebieten Europas mit der niedrigsten Einwohnerdichte. Wie die wirtschaftlichen Folgen auch für Extremadura sein werden, steht derweil auf einem ganz anderen Blatt.

Carrasco ist mit einer Deutschen verheiratet und verbringt im Urlaub häufig Zeit in Spanien, hat dort auch ein Domizil. „Aber ob wir dieses Jahr wirklich hinfahren, darüber denken wir gerade nach“, sagt er – um nachzuschieben: „Bis zum August kann noch wirklich viel passieren.“

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