Kornwestheim So viele Mitglieder verlieren die Vereine

Von Marius Venturini und Lars Laucke
Sport, aber nur online: Maximilian Frenken, damals Trainer der einstigen SGM Kornwestheim/Remseck-Pattonville, coacht im Jahr 2020 seine Schützlinge übers Internet. Foto: privat

Kornwestheim - Da wurde so manch einer hellhörig. Als Matthias Müller vor wenigen Tagen bei der Hauptversammlung des Kornwestheimer Stadtverbandes für Sport sein Grußwort sprach, hatte er nicht nur Rosiges zu berichten. Natürlich nicht. Schließlich hat die Corona-Pandemie dem Vereinssport einen schmerzhaften Wirkungstreffer versetzt, von dem sich alle Beteiligten derzeit versuchen, zu erholen. So berichtete der Präsident des Sportkreises Ludwigsburg unter anderem vom Verlust von 7500 Mitgliedern im Jahr 2020. Zur Einordnung: Die aktuelle Erhebung weist für den Sportkreis Ludwigsburg 188 048 Mitglieder aus (Stand: Mai 2021). Die Tendenz war zuletzt sieben Jahre in Folge steigend.

Nachgefragt bei Müller, antwortet er: „Es ist drastisch, aber wir sind noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen.“ Am meisten hätten die Hallensportarten gelitten. Corona und „drinnen“, das sei nach wie vor ein heikles Thema. Außerdem hätten offenbar viele Menschen die Pandemie zum Anlass genommen, etwaige Doppelmitgliedschaften in Vereinen zu beenden. „Das hat sich durch Corona sicher beschleunigt“, so Müller. Darüber hinaus habe eine große Rolle gespielt, wie die Vereine von Anfang an auf die Einschränkungen reagiert hätten. Haben sie zu lange abgewartet? Haben sie sofort Online-Angebote geschaffen? „Ein bis zwei Monate durfte man vielleicht warten, aber dann…“, so Müller.

Wie sieht es in den einzelnen Vereinen aus?

Der Blick auf die Sportkreis-Statistik (Stand: 24. August 2021) weist viele rote Zahlen vor. Von den 15 mitgliederstärksten Fachverbänden haben 14 ein – teils gravierendes – Minus zu verzeichnen. Die Turner im Kreis Ludwigsburg etwa verloren von 75 080 Mitgliedern gut 4200, ungefähr die Hälfte davon Jugendliche unter 18 Jahren. Doch der Trend scheint sich mancherorts schon wieder umzukehren.

SV Kornwestheim

Nicht so beim SV Kornwestheim. Die Pandemie hat den SVK mit voller Härte getroffen, trotz des großen Engagements im Internet und den Sozialen Medien. „Vier Tage nach Beginn des ersten Lockdowns hatten wir das erste Video zum Mitmachen online“, berichtet SVK-Geschäftsführer Thomas Eeg. Für das Funsportzentrum, also das Fitnessstudio des Vereins, habe das funktioniert. „Das ist aber eine andere Klientel als in den Abteilungen, in denen es dann schon schwierig geworden ist.“ Handball- oder Fußballtraining mache man eben nicht so einfach online. Alles in allem habe der Verein in der Coronazeit bis jetzt zwischen 800 und 900 Mitglieder verloren. Das liege zu einem Gutteil daran, dass der Verein die natürliche Fluktuation nicht mit der Werbung neuer Mitglieder habe ausgleichen können. Zum Stichtag 1. Januar 2021 zählte der SVK noch 6467 Mitglieder. Zum gleichen Zeitpunkt 2020 waren es noch knapp 7000 gewesen.

Und obwohl er mit dem Pandemiemanagement im Verein eigentlich sehr zufrieden ist, schaut Eeg mit gemischten Gefühlen ins kommende Jahr. „Die Unterstützung von Bund und Land läuft aus, aufgrund der steigenden Energiepreise sind die Betriebskosten höher, und das alles dann mit weniger Einnahmen aus den Mitgliedschaften – das treibt mich momentan schon um“, sagt er.

SV Pattonville

Auch der SV Pattonville hat Mitglieder verloren, rund 300 seien es laut dem ersten Vorsitzenden Michael Uhse gewesen – quer durch alle Sparten und nicht nur als direkte Reaktion auf die Entwicklungen in der Pandemie. Auch beim SVP hätten viele ihre Mitgliedschaften hinterfragt und gegebenenfalls aussortiert. „Das war beträchtlich, aber wir haben schon etwas aufholen können“, sagt er. Man könne das sehr wohl als Trendwende bezeichnen, vor allem im Kinder- und Jugendbereich sowie im Breitensport sei der Zulauf derzeit riesig. Um noch mehr Boden gut zu machen, brauche es ein komplett coronafreies Sportjahr 2022. „Um weiter innovativ arbeiten zu können, brauchen wir wieder um die 1500 Mitglieder“, sagt Uhse.

KSV Hoheneck und SGV Murr

Auch anderswo hat man mit den Verlusten zu kämpfen. Allerdings scheint dort der Optimismus größer zu sein. Erneutes Beispiel: Turnen. Rund zehn Prozent ihrer etwa 900 Mitglieder hatte allein die Turnabteilung der KSV Hoheneck während des Lockdowns verloren. „Doch seit es wieder losging, wird uns die Bude eingerannt“, sagt Abteilungsleiterin Ursula Grebenstein. Der Verlust dürfte bis zum Jahresende 2021 wohl wieder aufgeholt sein. Ähnlich sieht es bei vielen anderen Vereinen aus. Der SGV Murr zum Beispiel hatte 2020 sogar „weniger Kündigungen als sonst. Es waren etwa 20 bis 25. Die kamen zum Teil im Januar noch, was wir dann aus Kulanz akzeptiert haben“, erklärt die erste Vorsitzende Liane Sinn. „Doch mindestens die Hälfte davon hat sich inzwischen wieder angemeldet. Und aktuell haben wir zudem viele Neuanmeldungen.“ Die Online-Angebote während des Lockdowns seien übrigens unterschiedlich gut angenommen worden. „Das ist bei den Turnern natürlich auch schwieriger als bei manch anderen Sportarten. Auf gute Resonanz stießen die Videos, welche einige unserer Trainer aus den Bereichen Freizeit- und Gesundheitssport erstellt hatten. Die haben gezeigt, was im Freien alles möglich ist und diese Videos dann per WhatsApp verschickt.“

Marbach und Bottwartal

Der FC Marbach als reiner Fußballverein hat Corona bislang ebenfalls recht gut überstanden. „Die Austritte 2020 waren nicht mehr als sonst, es gab halt weniger Neueintritte. Aber seit Ende des Lockdowns ist der Zulauf bei den Kindern dafür sehr groß“, berichtet der 2. Vorsitzende Lars Kohler. Ähnlich ergeht es den Handballern der SG Schozach-Bottwartal: „Ich könnte zum Beispiel im Bereich Minis/F-Jugend an vier unserer fünf Standorte derzeit Gruppen machen. Allerdings habe ich dafür gar nicht genug Trainer, weshalb es momentan nur an zwei Orten Gruppen in dieser Altersklasse gibt. Insgesamt sind unsere Mitgliederzahlen im Vergleich zu der Zeit vor Corona sogar gestiegen“, erklärt Jugendleiterin Nancy Kübler.

HABO JSG

Und auch bei der HABO JSG, zu der die Jugend-Handballer aus Großbottwar, Oberstenfeld, Steinheim und Kleinbottwar gehören, gab es die Einschnitte eher im Bereich der Trainer und Ehrenamtlichen. „Da hat mancher gemerkt, dass es doch ganz angenehm sein kann, wenn man nicht mehr drei oder vier fixe Termine in der Woche hat“, sagt Jürgen Buck, Vizevorsitzender der JSG.

Das hat auch SVK-Geschäftsführer Thomas Eeg festgestellt. Er sieht die Lücke zusätzlich auch bei den hauptamtlich Tätigen. „Sie haben sich teilweise umorientiert.“ Nicht nur freiwillig, sondern häufig auch gezwungenermaßen.

Was ist der Sportkreis Ludwigsburg?

Der Sportkreis
  wurde im Jahr 1947 gegründet und vereinigt unter seinem Dach die Sportvereine des Landkreises Ludwigsburg sowie einen Teil der Vereine des Enzkreises. Verglichen mit den 23 weiteren Sportkreisen innerhalb des Württembergischen Landessportbundes (WLSB) hat der Sportkreis Ludwigsburg die meisten Mitglieder (188 048) und Vereine (507; Stand 24. August 2021).

Die Ziele
 des Sportkreises Ludwigsburg sind laut selbstverordneter Präambel, sich „als den kompetenten und zeitgemäßen Sportkreis und Dienstleister für unsere Vereine in allen leistungs-, freizeit- und gesundheitssportlichen Facetten zu etablieren“. Darüber hinaus wolle man „Staat, Kommunen, Medien und Wirtschaftspartner bestmöglich unterstützen“.

Weitere Infos
 über den Sportkreis Ludwigsburg sowie die Sportkreisjugend gibt es online auf der Seite https://sportkreis-lb.de

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