Kornwestheim Und im Regal fliegt die „Razorback“ herum

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Jeanette Müller arbeitet am Raumschiff „Donnager“. Foto: Horst Dömötör

Kornwestheim - Es hat ein wenig gedauert, bis Jeanette Müller und die Science-Fiction-Serie „The Expanse“ zueinander fanden. „Als ich die erste Staffel Ende 2017 gesehen habe, lag ich krank auf der Couch“, berichtet die 38 Jahre alte Kornwestheimerin. Einige Monate später hat sie dann Staffel 2 angeschaut und gemerkt, dass sie sich an die ersten Folgen gar nicht mehr richtig erinnerte. „Also habe ich noch einmal von vorne angefangen“, erzählt Jeanette Müller und lacht. „Dann aber hat es mich so richtig gepackt.“

Es war wichtig, dass Jeanette Müller der Kultserie noch eine Chance gegeben hat, wichtig für ihr eigenes Schaffen, aber auch für die Science-Fiction-Szene. Warum das so ist? Einen Hinweis gibt der Blick in Jeanette Müllers Wohnzimmerregale. Dort reihen sich mehrere Raumschiffmodelle aus „The Expanse“ aneinander und sogar ganze Dioramen, die Höhepunkte der Serie darstellen. Jeanette Müller hat das alles zusammengeklebt, bemalt, arrangiert.

Da ist beispielsweise jene ikonische Szene aus Staffel 3 nachgestellt, in der die Rennpinasse „Razorback“ an das marsianische Kampfschiff „Rocinante“ andockt. Ein anderes Modell zeigt das Generationenraumschiff „Nauvoo“ in einem Raumdock. Leuchtdioden illuminieren viele der Modelle in den Regalen.

„The Expanse“ erzählt davon, wie die Menschheit im 24. Jahrhundert das Sonnensystem besiedelt hat und nun im Asteroidengürtel nach Rohstoffen schürft. Die Meeresspiegel auf der Erde sind gestiegen, sie ist überbevölkert. Der Mars hat sich längst von der Erde losgesagt und ist eine militärische Großmacht. Unter den „Gürtlern“, den Bergarbeitern im Weltraum, regt sich Widerstand: Viele von ihnen wollen sich ebenfalls unabhängig erklären. Kurz: Die Zeichen stehen schon zum Serienbeginn auf Sturm.

Mittlerweile gibt es vier Expanse-Staffeln, die letzte wurde im Winter bei Amazon Prime veröffentlich. Die Serie gilt unter Science-Fiction-Fans als gut produziert und spannend geschrieben. Außerdem ist für viele Zuschauer reizvoll, dass „The Expanse" realistische Möglichkeiten diskutiert, wie sich die Menschheit technisch, sozial und wirtschaftlich weiterentwickeln könnte.

Diese Faszination packte auch Jeanette Müller. Die junge Frau, die aus München stammt, kennt sich mit Modellbau aus. Mit gerade mal sechs, sieben Jahren baute sie mit ihrem Vater einen Oldtimer-Bausatz zusammen, einen Tag später eine Spitfire, das Modell eines englischen Kampffliegers aus dem zweiten Weltkrieg. Danach gab es kein Halten mehr, ein Revell-Bausatz folgte auf den nächsten. Flugzeuge, Segelschiffe, Panzer, Lastwagen – Jeanette Müller fertigte alles, was sie in die Hände bekam. Eine Weile verlegte sie sich aufs Malen, pinselte Fantasy-Miniaturen an. Zeitgleich wuchs die Leidenschaft für Science Fiction, mit Star Trek – The next Generation („Meine erste große Liebe“), Battlestar Galactica, Babylon 5 und anderen Filmen und Serien. Sodann begann sie auch, Raumschiffmodelle von vielen der genannten Franchises zusammenzusetzen. „Ich bin eben ein Fan“, sagt sie.

Ab den 2000ern gab es zwar in Sachen Modellbau einige Jahre Pause, aus privaten Gründen und auch jobbedingt zog Jeanette Müller, die als Software-Entwicklerin arbeitet, mehrfach um. Vor etwa fünf Jahren fing sie aber wieder mit dem Hobby an. Und dann kam eben „The Expanse“, ein Thema, für das es keine vorgefertigten Bausätze gibt. Jeanette Müller bestellte online bei englischen Händlern, die ihr auf Wunsch Raumschiffteile per 3-D-Drucker erstellten und zusandten. Sie tauschte sich innerhalb der „Maker“-Szene im Netz aus, ihr Bruder, der sich mit technischen Zeichnungen auskennt, half ihr, ein Freund schuf mit einer CNC-Fräse die durchsichtigen schweren Bodenplatten, auf denen die Expanse-Modelle fußen. Aus diesen Grundlagen die fertigen Szenen zu schaffen, das kostet Jeanette Müller oft Wochen und Monate.

Die viele Arbeit ist nicht unbemerkt geblieben. Expanse-Fans aus ganz Deutschland und – dank des Internets – aus der ganzen Welt kennen mittlerweile Jeanette Müllers Modelle. Auf der Fed-Con in Bonn, der wichtigsten deutschen Science-Fiction-Messe, stellte sie 2019 aus. Dort wurde sie ausgezeichnet: Jeanette Müller wurde in der Kategorie „Modelle/Handarbeit“ mit ihren Expanse-Raumschiffen Zweite. „Ich habe gar nicht gewusst, dass es diesen Preis gibt, ich habe mich zunächst einfach nur gefreut, dass ich meine Modelle zeigen darf“, erinnert sie sich an das Wochenende im Juni des vergangenen Jahres. „Und dann hieß es plötzlich, dass ich mit auf die Bühne soll!“

Mit dem Stuttgarter Interessenverband Modellbau hat sie bereits gemeinsam in den Stuttgarter Messehallen ausgestellt. Und auch Vorträge über den Expanse-Modellbau hält Jeanette Müller. Anfang Februar besuchte sie beispielsweise den Stuttgarter Science-Fiction-Stammtisch im Föhrich in Feuerbach und berichtete dort mit Powerpoint und Bildershow von ihren Expanse-Projekten.

„Als sie uns zuvor besucht hat und von ihren Modellen erzählte, kamen wir auf die Idee, dass sie einen Vortrag halten könnte“, berichtet Peter Schaich, einer der Organisatoren des Science-Fiction-Treffs. „Sie war schnell bereit, uns ihre Arbeit vorzustellen, wir haben uns sehr darüber gefreut.“ Vorträge über verschiedene Aspekte der Science Fiction haben bei den engagierten Fans im Föhrich Tradition. Ende vergangenen Jahres führte die Verlegerin Grit Richter vom Art Skript Phantastik Verlag in die Welt des mysteriösen Zeitreisenden Doctor Who ein, in diesem Frühjahr kommt der Autor und Journalist Tom Hillenbrand zu Besuch und spricht über sein neues Buch Qube. Jeanette Müllers Präsentation reihte sich da gut ein: „Ich fand die Modelle und ihre Entstehungsgeschichte wirklich interessant, das Ergebnis kann sich sehen lassen“, sagt Peter Schaich.

Apropos Entstehung: Mittlerweile hat Jeanette Müller sich einen eigenen 3-D-Drucker zugelegt und produziert nun auch die Kunststoffteile selbst, die sie zu Raumschiffen zusammensetzt. Erst dadurch wurde ihr neuestes Vorhaben überhaupt möglich: Gerade entsteht in Jeanette Müllers kleiner Werkstatt ein 62 Zentimeter hohes Modell im Maßstab 1:792 des Raumschiffes Donnager, dem Flaggschiff der Marsflotte in The Expanse. Eine wichtige Szene, das auslösende Ereignis in Staffel eins, ist der Angriff unbekannter Feinde auf dieses prächtige schwarz-orangefarbene Raumfahrzeug. Und diese ikonische Szene baut die 38-Jährige nun nach. „Ich möchte damit bis zur Fed-Con in diesem Sommer fertig werden und das Diorama dort ausstellen“, sagt sie.

Was sie an Science Fiction so begeistert? „Ich mag Utopien“, sagt Jeanette Müller. Deswegen sei auch Star Trek, das eine positive Vision der Zukunft zeige, einer ihrer absoluten Favoriten. Übrigens: Für „The Expanse“ hat Jeanette Müller sogar ein Diskussionsforum bei Facebook eingerichtet und betreut es. Und das Thema Modellbau? Warum liebt sie das so sehr? „Ich bin ein ungeduldiger Mensch“, sagt Jeanette Müller. „Ich glaube, dass dieses Hobby für mich meditativ wirkt“. Natürlich sei da auch noch die Freude am Schaffen, am handwerklichen Arbeiten, an der Fingerfertigkeit.

Manchmal bekommt Jeanette Müller Geld für ihre Expanse-Modelle geboten. Auf diese Angebote geht sie aber nicht ein. „Ich möchte sie nicht abgeben“, sagt die Kornwestheimerin. „Die Modelle gehören in mein Regal.“

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