Kornwestheim Vom Kampf mit Physik und Mücken

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Gleich hebt die Antonov ab. Das Oldtimer-Flugzeug war auch in diesem Jahr wieder ein Hingucker beim Fliegerfest.Groß und Klein reckten sich am Wochenende, um alles mitzubekommen. Foto: Horst Dömötör

Kornwestheim - Wenn die Sonne schon mal da ist, dann scheint sie gleich zweimal. So war es zumindest am Wochenende beim Fliegerfest der Fliegergruppe Kornwestheim. Da strahlte sie nicht nur von oben auf Besucher, die so zahlreich auf den Flugplatz in Pattonville gekommen waren; der leuchtende Himmelskörper reflektierte auch in die Gesichter all derer, die in den weißen Lack der Flugobjekte blickten.

Zu sehen gab es auf der Rollbahn unter anderem das Oldtimer-Segelflugzeug „Doppelraab IV“. Der erste Vorsitzende der Fliegergruppe, Paul Gräber, erinnert sich noch an seine ersten Flugstunden mit diesem Fluggerät. Da hatte er das für die Ausbildung geltende Mindestalter von 14 Jahren erreicht. Das besondere an der historischen, rot-weißen Ausbildungsmaschine: Sie wurde hier auf dem Flugplatz in Pattonville gebaut. Als nach dem Krieg die Fliegerei wieder erlaubt wurde, gab es noch keine Flugzeugbauer. Deshalb haben sich die Vereinsleute den Doppelsitzer kurzerhand selbst zusammengezimmert.

„Die Geometrie der Flugzeuge lässt immer auf das Baujahr schließen“, erklärte der Vereinsvorsitzende. Im Typenschild der „Doppelraab IV“ ist das Jahr 1960 als Baujahr festgehalten. Demnach kann das Segelflugzeug aus Holz mit seiner Spannweite von etwas mehr als zehn Metern noch nicht mit den neueren Modellen mithalten. Je moderner das Flugzeug, desto länger die Flügel.

Und was gehört zu den wichtigsten Bauteilen eines Segelflugzeugs? Ein Kandidat ist der Faden, der mit Klebeband auf der Cockpithaube befestigt wird. „Es bremst richtig, wenn die Strömung falsch verläuft“, erläuterte Paul Gräber. Mithilfe des Fadens könne der Pilot aber in der Luft kontrollieren, dass die Strömung parallel zur Flugrichtung hinwegzieht. Und was bei einem Auto der Scheibenwischer ist, das ist bei einem Segelflugzeug der Mückenputzer. „Jede Mücke auf dem Flügel verwirbelt die Strömung“, so Gräber. Bei Wettbewerben kann es den Piloten wertvolle Punkte kosten, wenn er nicht von dieser Vorrichtung Gebrauch macht.

Neben dem Vizeweltmeister im Segelkunstflug Dietmar Poll aus Österreich hatte sich noch Besuch aus Mengen angekündigt. Die Pilotin des Oldtimers „Antonov II“ lud zu Nostalgieflügen ein. Doch allein schon die Landung des größten einmotorigen Doppeldeckers der Welt erlangte die Aufmerksamkeit aller Zuschauer. Ebenso wie der Seilstart der „Doppelraab IV“, die es mit vereinter Manneskraft in die Luft schaffte. Etwa 40 Helfer zogen die Maschine an.

Normalerweise übernehmen dies die beiden Stahlseiltrommeln auf dem LKW, der in entsprechender Entfernung zum Rollfeld stand. Sie ziehen die nicht motorisierten Segelflieger an und beschleunigen sie in zwei Sekunden von null auf hundert Kilometer pro Stunde. Sobald die Segler dann abheben, sind sie dem „Kampf gegen die Physik“ ausgesetzt, wie Paul Gräber es formulierte. Dabei muss der Pilot die Thermik erwischen, um wieder an Höhe zu gewinnen.

Zwei Segelflugzeuge, ein Motorsegler und zwei Motorflugzeuge beförderten die Mutigen unter den Fliegerfestbesuchern in luftige Höhen. Elisabeth Simpfendörfer-Paul zum Beispiel. „Fantastisch, einfach fantastisch“, rief sie nach ihrem Rundflug begeistert. Im Flieger habe sie unglaublich weit schauen können – „Bis hinter Heilbronn“, beschrieb sie. Der Pilot habe ihr erklärt, dass man mit einer Tankfüllung bis an die Nordsee käme. Simpfendörfer-Paul ist schon einmal mit einem Passagierflugzeug und mit einem Hubschrauber geflogen – in einem Motorsegler saß sie jedoch zum ersten Mal. „Und es war bestimmt nicht das letzte Mal“, sagte sie.

Daneben fanden Modellflüge und Formationsflüge statt. Schon von weitem waren auch die Rotorblätter des Rettungshubschraubers zu hören. Sie wirbelten so manche Kappe durch die Gegend. Die DRF Luftrettung hatte neben ihrem regulären – in Pattonville stationierten – Helikopter noch einen Ausstellungshubschrauber aufgestellt.

Dadurch bekamen die Besucher einen Einblick in das Innere eines Hubschraubers und das Equipment der Luftrettung. „Zu der Ausrüstung zählen unter anderem ein Beatmungsgerät, eine Spritzenpumpe und ein Ultraschallgerät“, zählte der leitende Hubschrauberarzt Dr. Gregor Lichy auf. Für Rettungseinsätze oder Patientenverlegungen ermögliche dieses Transportmittel „eine geniale Geschwindigkeit“, so Lichy.

Der Vereinsvorsitzende der Fliegergruppe Kornwestheim lobte die Kooperation mit der DRF Luftrettung. Ebenso bedankte sich Paul Gräber bei allen, die zur Realisierung des Festes beitrugen und blickte dabei auch besonders auf die Helfer an den Bewirtungsständen.

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