Kornwestheim Von der Nahrungsquelle zur Naturpflege

Von Marius Venturini
Der Obst- und Gartenbauverein in den 1930er-Jahren. Foto: privat

Es ist geradezu ein Paradebeispiel. Da sitzen sie beieinander: drei gestandene Mitglieder des Kornwestheimer Obst- und Gartenbauvereins und lassen sich kaum stören. Sie diskutieren über Baumschnitt, über aktuelle Landes- und Bundeszuschüsse und darüber, was auf den Feldern rund um Kornwestheim derzeit so passiert. Kaum zu ahnen, dass die Zusammenkunft eigentlich der Aufarbeitung von 100 Jahren OGV dienen soll. Dass der trauten Runde auch noch ein Vertreter der Kornwestheimer Zeitung beiwohnt, der einen ganzen Fragenkatalog vorbereitet hat, ist erst einmal egal.

Das Trio, das da beim Vereinsvorsitzenden Hans-Joachim Schmid in der heimeligen Stube Platz genommen hat, besteht aus dem Vereinschef selbst, aus seinem Stellvertreter Martin Ergenzinger und aus Ausschussmitglied Hans-Otto Härle. Sie wollen mit den rund 150 Mitgliedern in diesem Jahr den runden Geburtstag des OGV begehen. Am 24. September soll das mit einem großen Festakt im K geschehen, der natürlich schon in Vorbereitung ist. Aber jetzt soll es zunächst um die Vergangenheit gehen.

Parallelen zu 2022

Als der OGV Kornwestheim am 3. April 1922 gegründet wurde, drehte sich in Deutschland vier Jahre nach dem Ersten Weltkrieg fast alles um eines: Obstbau als Nahrungsquelle. „Nach dem Krieg waren 75 Prozent der Mitglieder von Obst- und Gartenbauvereinen Landwirte“, sagt Hans-Joachim Schmid. Hans-Otto Härle fügt hinzu: „Themen wie Blumenschmuck kamen erst ein paar Jahre später dazu.“ Und aktuell finde ein erneutes Umdenken statt. Alles werde teurer, man wisse nicht, wie sich der Krieg in der Ukraine entwickle. „Da schauen jetzt vielleicht einige darauf, was sie selbst anbauen könnten.“

Vor 100 Jahren, unter dem ersten Vorsitzenden Hermann Bizer, stand also vor allem das „O“ in „OGV“ im Vordergrund. Rasch hatten die gut 50 Mitglieder Ende 1922 an den Gemeinderat das Gesuch eines Obstbaumversuchsgartens gerichtet. Und auch das geht aus den detailgenauen Unterlagen des kürzlich verstorbenen OGV-Kassiers Eberhard Pfeil hervor: „25 Mitglieder fuhren mit drei Gespannen in Bizers Obstgarten nach Bittenfeld und lernten dort heimische Obstsorten kennen.“ Fachwissen war von Anfang an Trumpf.

Viele Mitglieder nach dem Krieg

Kurzum: Der Kornwestheimer OGV ist einer von vielen, die sich nach dem Ersten Weltkrieg gegründet haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum hatte er im Jahr 1949 mit 500 Mitgliedern seine Blüte erreicht. So viele sollten es danach nicht mehr werden. In dieser Zeit wandelte sich das Tätigkeitsfeld des Vereins erneut, vom reinen Erwerbsobstbau hin zur Obstbaumpflege und ja, auch hin zum Blumenschmuck und vermeintlichen Kleinigkeiten wie Balkonkästen oder der richtige Umgang mit Blumensträußen.

Und heute? „Es ist wichtig, dass wir uns als Verein zukunftsgerichtet präsentieren“, sagt der Vorsitzende Hans-Joachim Schmid. Das klappe beim OGV ziemlich gut. „Wenn ich da die Teilnehmer bei den Schnittkursen anschaue, da sind relativ viele junge Menschen dabei.“ Obstbaumschnitt, das sei inzwischen nicht mehr nur etwas für alteingesessene Landwirte oder Rentner. Auch Bürger zwischen 30 und 40 Jahren interessierten sich für die richtige Pflege von Bäumen und Sträuchern. „Bei dem Thema sind sich unser Baumwart Stephan Seidl und ich zwar nicht immer einig. Am Ende wird es aber immer gut“, sagt Schmid und lacht.

Neue Fachgebiete

Die Arbeit mit den Pflanzen kann ab und zu auch zur Wissenschaft werden. Und die verschiedenen Gebiete werden nicht weniger: Urban Gardening, Begrünung von Flachdächern, Insekten- und Pflanzenschutz, das zunehmende Umweltbewusstsein – der OGV bietet viel mehr als noch zu seiner Gründungszeit; und wohl auch mehr als noch im Jahr 1997, als man im Philipp-Matthäus-Hahn-Gemeindesaal sein 75-jähriges Bestehen feierte.

Vieles gilt aber heute ebenso wie vor 75 oder 100 Jahren. „Man muss die Natur auch pflegen und nicht bloß wachsen lassen“, sagt Hans-Joachim Schmid. Nur dass es jetzt die Väter oder Mütter schon ihren Kindern beibringen wollen, wie das richtig funktioniert. Apropos Familiensache: Seit 2014 steht Schmid dem OGV vor. Sein Vater Gerhard war seinerseits von 1983 an einige Jahre Vorsitzender des Vereins.

Auf sein Konto ging einst zum Beispiel der Ausbau des Blumenschmuckwettbewerbs. Schmid holte Stadträte mit ins Preisgericht. Im Jahr 2022 gilt als „Einzelaktivität“ der Wettbewerb als Dreh- und Angelpunkt. Eine Jury fährt zweimal durchs Stadtgebiet und beurteilt angemeldete Gärten nach verschiedenen Kriterien. Bis zum 30. Juni kann man seinen Garten noch beim OGV anmelden.

Info

Festakt zum Jubiläum
 Die große Feier steigt am Samstag, 24. September, im K. Zu Gast ist Felix Huber, Direktor des Raumfahrtzentrums Pfaffenhofen. Er erläutert den Zusammenhang zwischen Raumfahrt und Obst- und Gartenbau.

Blumenschmuckwettbewerb
Wer mit seinem Garten teilnehmen will, muss ein Formular ausfüllen (zu finden unter anderem auf www.kornwestheim.de/blumenschmuckwettbewerb). Die Frist zur Anmeldung endet am Donnerstag, 30. Juni. Die Auszeichnung der Siegerinnen und Sieger erfolgt am Dienstag, 18. Oktober, im Martinisaal der St.-Martinus-Gemeinde.  

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