Kornwestheim Vonovia saniert: Mieter sind misstrauisch

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Sollen in die Höhe wachsen: die Vonovia-Häuser in der Bolzstraße Foto: Werner Waldner

Kornwestheim - Die Atmosphäre im Foyer der Eugen-Bolz-Schule soll betont entspannt sein. Aus den Boxen wehen smoothe Töne durch den Raum, Marke jazzige Fahrstuhlmusik. Häppchen warten aufgereiht auf Tischen, es gibt Käse- und Wurstbrötchen, Muffins, Obstspießchen. Kärtchen zum Eintragen von Kritik und Lob liegen aus, Arbeitsstationen behandeln Themen wie „Aufstockung und Modernisierung“ oder „Neubau in Holzbauweise“. Die Stuhlreihen sind voll, eine dreistellige Anzahl Besucher wartet geduldig darauf, dass es losgeht.

Was ist da los in der Grundschule? Ist ein Konzertabend geplant? Hat die Kornwestheimer Stadtverwaltung zu einer Bürgerwerkstatt in Sachen Stadtentwicklung eingeladen, wie sie heute dem Zeitgeist entsprechen? Falsch getippt. Eingeladen hat die Immobilienfirma Vonovia – und zwar zu einem Informationsabend, der mit „Mieterauftaktveranstaltung“ überschrieben ist. Dem größten Wohnungsunternehmen Deutschlands, einer Aktiengesellschaft mit Milliardenumsätzen, gehören auch in Kornwestheim hunderte Wohnungen, insbesondere in der südlichen Bolzstraße.

Plätze sollen neu gestaltet werden

Um viele der ehemaligen Eisenbahnerwohnungen geht es an diesem Dienstagabend. Vonovia will seine Gebäude in der Bolzstraße 102 bis 146 auf Vordermann bringen, energetisch sanieren, wo noch nicht geschehen, Balkone restaurieren, und außerdem aufstocken, um neue Wohnungen zu schaffen. Zudem sollen drei komplette Neubauten entstehen. Zwei Gebäude sollen auf Freiflächen entstehen, eins ersetzt das Haus in der Bolzstraße 139. Unterm Strich könnten am Ende 97 zusätzliche Wohnungen verfügbar sein.

Wie Vonovia im Zuge dieser Arbeiten außerdem das ganze Quartier umgestalten will, stellen Projektleiterin Senta Englert und der Vonovia-Regionalleiter Michael Pfefferkorn den Mietern in der Eugen-Bolz-Schule vor. Als Moderatorin hilft Maria Brückner von „Zebralog“, einer „Agentur für crossmediale Bürgerbeteiligung“.

Plätze sollen neu zwischen den Gebäuden angelegt, Fahrradabstellmöglichkeiten geschaffen, Bäume und Hecken gepflanzt werden, außerdem ist ein Spielparcours geplant, die Zahl der Stellplätze – auch unter der Erde – soll steigen. Einen Car-Sharing-Standort will Vonovia in Zusammenarbeit mit der Stadt Kornwestheim und Parterfirmen ebenfalls anlegen.

Eigentlich klingt aus städtebaulicher Sicht vieles gut, wie der Kornwestheimer Baubürgermeister Daniel Güthler bestätigt, der die Veranstaltung als Zuschauer besucht. Dass aus Sicht von Vonovia der Schuss etxra Wohlfühlatmosphäre am Abend dennoch sinnvoll sein könnte, zeigen zwei Gemengelagen, die Mieter bei der Fragerunde kritisch ansprechen.

Erstens: Die Mieten werden nach der Sanierung steigen, wie Pfefferkorn bestätigt. Vonovia will hier nicht auf die rechtlich möglichen drei Euro pro Quadratmeter gehen, sondern es bei zwei Euro belassen. Dennoch: Wie das denn für Menschen, „die nicht im Vorstand von Porsche sitzen, sondern nur Verkäufer sind“, gehen soll, will ein Besucher wissen. Pfefferkorn stellt in Aussicht, dass man hier „individuelle Lösungen“ finden will. Möglich sei etwa, kleinere und damit günstigere Wohnungen anzubieten oder finanziell schlechter gestellten Mietern entgegenzukommen. Der Regionalleiter spricht von „Härtefallmanagement“ und sagt: „Wir wollen nicht, dass jemand ausziehen muss wegen der Maßnahmen.“

Gemeinderat muss Baurecht schaffen

Zweitens: Vonovia hat auch in Kornwestheim nicht unbedingt den allerbesten Ruf. Das große Unternehmen hat im vergangenen Jahr viel Kritik abbekommen – wegen Mieterhöhungen, aber auch schlechter Kommunikation zu seinen Mietern, sprich Kunden, während gleichzeitig große Gewinne ausgewiesen wurden. Am Rande der Auftaktveranstaltung berichten Mieter immer wieder von negativen Erfahrungen. Dass er auf seine Beschwerden irgendwann gehört habe, „dann ziehen sie doch aus“, erzählt etwa ein Mieter. Glaubwürdigkeit ist immer wieder ein Thema. Ob denn wirklich „individuelle Lösungen“ gefunden werden? Ob Vonovia am Ende wirklich keinen Druck ausübt auf Mieter, die nicht so einfach den laut Vertrag zustehenden Abstellraum im Dachgeschoss abgeben oder im Fall der Nummer 139 eine alternative Wohnung annehmen wollen? Wie teuer die Stellplätze am Ende werden? Solche Fragen stehen im Raum. Senta Englert betont, dass man mit den Mietern im Gespräch bleiben will, dass vieles noch nicht feststehe, man nichts gegen massiven Widerstand durchsetzen wolle.

Ohnehin muss der Kornwestheimer Gemeinderat noch das Baurecht schaffen. Mehrere Stadträte mischen sich an diesem Abend unter die Mieter. Sie nehmen auf, was Vonovia plant. Aber sie hören zwischendurch auch den betroffenen Bürgern aufmerksam zu. Daniel Güthler sagt: „Es ist uns wichtig, dass die Maßnahmen für die Wohnqualität für die Mieter einen Mehrwert bieten.“

Info

Aufstockungen
– Ingesamt sollen die verschiedenen Planungen und Baumaßnahmen in der Bolzstraße laut Vonovia an die vier Jahre dauern. Los gehen könnte es schon im Herbst 2019 mit dem Neubau von zwei Gebäuden. Immer zwei Häuserzeilen sollen des Weiteren am Stück modernisiert und mit Holzaufstockungen versehen werden, was jeweils rund ein halbes Jahr dauernd wird. Zuletzt fertig würde wohl der Neubau des Gebäudes Bolzstraße 139. Dieser würde im September 2021 beginnen und etwa ein Jahr dauern.

Informationen
– Vonovia hat angekündigt, seine Mieter in der Bolzstraße auch künftig mit weiteren Informationsveranstaltungen auf dem Laufenden zu halten und in den Prozess einzubinden. Außerdem gibt es einen Infopoint und einen Quartiermanager als Ansprechpartner. Tobias Törner übernimmt diese Aufgabe bei Vonovia.

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