Kornwestheim Vorbei an den Hinterhöfen Kornwestheims

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Durchs Wirrwarr des Rangierbahnhofs: Die Schusterbahn auf dem Weg nach Ludwigsburg. Foto: Horst Dömötör

Kornwestheim - Kurz hinter Zazenhausen, gleich nachdem sie die B 27 unterquert hat, hätte sie die lang gezogene Kurve kriegen und in Richtung Kornwestheim abbiegen müssen – längs des SVK-Funsportzentrums und der Bogenstraße zu Gleis 7 des Bahnhofs. Aber die Schusterbahn fährt geradeaus weiter, schleicht sich am Rande des Rangierbahnhofs an den Hochhäusern der Bolzstraße vorbei, lässt die Salamanderstadt achtlos rechts liegen und hält erst wieder in Ludwigsburg, wo sie ihre in Untertürkheim begonnene Fahrt nach rund 15 Kilometern und noch nicht einmal 20 Minuten schon wieder beendet. Für einige Wochen nimmt die RB 11, wie die Schusterbahn im Fachjargon heißt, einen anderen Weg, weil der Bahnsteig in Kornwestheim – dort wird die Überdachung erneuert – nicht zur Verfügung steht.

Das an sich wäre kaum der Rede wert, wenn nicht genau diese Streckenführung im vergangenen Jahr ins Gespräch gebracht worden wäre als Voraussetzung dafür, dass die RB 11 in regelmäßiger Taktung bis nach Markgröningen oder Bietigheim verlängert wird. In Kornwestheim war der Aufschrei groß: Die Schusterbahn hält nicht mehr am Pbf? Unvorstellbar.

Ein eigenartiger Zug

Sie ist schon ein eigenartiger Zug, diese RB 11 zwischen Untertürkheim und Kornwestheim. Er fährt nur sechsmal am Tag, die Wochenendruhe ist ihm heilig und vom Gewusel am Stuttgarter Hauptbahnhof hält er sich fern. Er bedient die Tangente und hält an Vororten, von denen noch nicht einmal alle Stuttgarter wissen, dass es sie gibt: Münster zum Beispiel oder Zazenhausen. Pünktlich geht’s um Viertel vor von Gleis 2 in Untertürkheim los. Der Zugführer weist per Lautsprecherdurchsage darauf hin, dass die Bahn heute nicht nach Kornwestheim, sondern nach Ludwigsburg fährt.

Nein, mit großer Eisenbahnwelt hat das hier nichts zu tun. Die Schusterbahn liefert sich ein Wettrennen mit der Stadtbahn, die bis Bad Cannstatt direkt neben ihr fährt. Erster Halt: Ebitzweg. Ortsunkundige mögen das für einen außerplanmäßigen Stopp halten. Aber: Bei der Schotterfläche handelt es sich wirklich um einen Bahnsteig. In 30 Metern Höhe überquert die Bahn, an diesem Nachmittag nur spärlich besetzt, auf dem Eisenbahnviadukt in Stuttgart-Münster den Neckar. Die Fahrgäste haben faszinierende Ausblicke auf die Weinberge und das Kraftwerk Münster. Sehen wir einmal von diesem „Highlight“ ab, dann kommt eine Fahrt mit der RB 11 nicht gerade einer Werbung für die Region Stuttgart gleich. An den Böschungen türmt sich der Abfall. Sessel, Säcke, Stuhlgestelle – es könnte gerade in diesen Tagen, in denen das Gebüsch kräftig gelichtet worden ist, der Eindruck entstehen, als verkehre die Schusterbahn über eine Müllhalde. Bretterbuden reihen sich aneinander – Kleingärten sehen nicht immer wie ein Paradies auf Erden aus.

Neue Sicht auf die Stadt

Die RB 11 erreicht Kornwestheimer Gemarkung, fährt am Sika-Werk vorbei in den Rangierbahnhof. Der Zug verlangsamt seine Fahrt – nicht weil er den Fahrgästen Zeit für die neuen Ausblicke und Eindrücke geben will. Er rumpelt über so manche Weiche und schaukelt dezent hin und her. Die Bahnfahrer erhaschen ein Blick auf den Roten Flitzer und den Classic-Courier, die auf den Nachbargleisen stehen und darauf warten, endlich wieder verkehren zu dürfen. Linker Hand steht ein Autotransportzug. Keine Frage: Kornwestheim ist eine alte Bahnerstadt. Die riesigen Gleisflächen wirken von der Schusterbahn aus noch unübersichtlicher, als sie es ohnehin schon sind.

Erstaunlich, wie nah die Häuser an der Bolzstraße an die Gleise ragen. Lärmschutz? Hier nicht vorgesehen. Farbtupfer in diesem tristen Grau bildet das ESG-Gelände mit seinen bunten Figuren, dem roten Bolz- und dem grünen Kunstrasenplatz. Kornwestheim – mal von der anderen Seite aus gesehen. Schön ist anders.

In Höhe des Wüstenrot-Hochhauses biegt die Schusterbahn auf die S-Bahn-Trasse ein und surrt nun zu Gleis 5 in Ludwigsburg. Wer nach Kornwestheim will, muss umsteigen und in die Richtung fahren, aus der er gerade gekommen ist. Aber von den Fahrgästen aus der RB 11 will an diesem Tag niemand zurück in die Salamanderstadt.

Überwerfungsbauwerk erforderlich.

Von Untertürkheim nach Ludwigsburg mit Fahrt über den Rangierbahnhof und weiter nach Markgröningen oder Bietigheim: Ist das die Zukunft? Zumindest ist das die preiswerteste Lösung. Derzeit gibt’s für Züge keine Möglichkeit, von Zazenhausen kommend mit Halt in Kornwestheim so von Gleis zu Gleis zu wechseln, dass sie nach Ludwigsburg gelangen. In die Gegenrichtung gestaltet sich die Verbindung noch schwieriger. Modelleisenbahner würden einfach ein paar Weichen einbauen – und schon passt’s. Experten der realen Eisenbahnwelt sind allerdings der Ansicht, dass eine millionenteure Brücke, ein sogenanntes Überwerfungsbauwerk, errichtet werden muss.

Bis darüber entschieden wird, juckelt die Schusterbahn weiter morgens und nachmittags durch die Vororte – ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten.

Zur Geschichte:
Die Strecke wurde am 30. September 1896 mit der Einweihung des Bahnhofs in Stuttgart-Münster eröffnet, um den Stuttgarter Hauptbahnhof zu umfahren. Zuvor mussten alle Güterzüge im Stuttgarter Centralbahnhof wenden, da der Vorgängerbau des Hauptbahnhofes ebenso wie dieser ein Kopfbahnhof war. Weil viele Salamander-Beschäftigte die Bahn nutzten, kam es zur Bezeichnung Schusterbahn.

Die Umleitung: Bis Donnerstag, 1. April, hält die Schusterbahn nicht in Kornwestheim, sondern verkehrt zwischen Untertürkheim und Ludwigsburg. In der Woche vom 8. bis 12. März fällt sie sogar ganz flach.

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