Kornwestheim Was Krieg für die Menschen bedeutet

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Drei Generationen Meyle mit der Chronik. Foto: Horst Dömötör

Kornwestheim - Zu Ostern war es, als Heimatforscherin Barbara Geib mal wieder in selbst genähter Tracht durchs Alte Dorf führte. Vorm Haus Pfarrer-Hahn-Straße Nr. 6 kam sie vor der aufmerksam lauschenden Zuhörerschaft auf Lorenz Jehle zu sprechen, der dort einst gelebt hat und im 17. Jahrhundert Gemeinderat und Bürgermeister in Kornwestheim war. Er habe, wusste Barbara Geib zu berichten, eine Chronik über die Zeit des 30-jährigen Krieges verfasst, aber die sei leider verschollen.

Verschollen? „Die liegt bei uns daheim“, sagte Michael Meyle, Vorsitzender der Städtischen Orchester und sich dessen nicht bewusst, wie sehr die Heimatforscher nach einem Schriftstück fahnden, das seit vielen Jahren im Besitz der Familie Meyle ist. Nun haben Barbara Geib und Dr. Ruth Kappel, frühere Vorsitzende des Vereins für Geschichte und Heimatpflege, das achtseitige Heftchen auswerten können. Ihre Erkenntnisse haben sie in dem jüngst erschienenen Band der „Kornwestheimer Geschichte“ veröffentlicht.

„Mein Lorentz Jehlens Lebens Lauff

d 30t. May 1606 bin ich von meinen

lieben Eltern an diese Welt geborhen,

wie ich zu meinen Jahren komen

Sie mich zur Schul angehalten“

So beginnt die Chronik des Lorenz Jehle, die man sich nicht als Tagebuch vorstellen darf. Es ist offensichtlich, dass er die Zusammenfassung der wichtigsten Stationen seines Lebens erst nach Ende des 30-jährigen Krieges, der 1648 vorbei war, verfasst hat. Und was Familie Meyle ihr Eigentum nennt, das ist auch nicht die Original-Chronik von Lorenz Jehle, sondern eine Niederschrift aus dem Jahre 1738, von Jakob Steegmaier in Auftrag gegeben und mit einer Fadenheftung versehen. Warum er sich die Mühe gemacht habe, Jehles Zeilen noch einmal abschreiben zu lassen, das lasse sich, so Ruth Kappel und Barbara Geib, nur erahnen. Möglicherweise sei die „Kopie“ für Erbfragen benötigt worden, vielleicht sei das Originalpapier aber auch in einem so schlechten Zustand gewesen, dass Steegmaier den Inhalt habe retten wollen. Was ihm ja auch gelungen ist.

Ruth Kappel, Archivarin der Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul in Untermarchtal, spricht von einem „wertvollen zeitgeschichtlichen Dokument“. Solche Schriftstücke seien sehr selten, viele seien verbrannt. Lorenz Jehle, von Beruf Küfer, schildert darin die entbehrungsreichen Jahre der damaligen Zeit. Zum Jahr 1618, als der 30-jährige Krieg ausbrach, schreibt er zum Beispiel:

Ist der große Cometstern gestanden,

Was er böses bedüden,

hats mann laider hernach woher frahet

daß von dato an biß ao 1650 lauter krieg

gewesen und das gantze Teutschland

jämerlich verderbt worden.

Der Krieg brachte in vielerlei Hinsicht Not und Elend. Soldaten schleppten die Pest ein. 200 Menschen starben daran in der zweiten Hälfte des Jahres 1626, wie Jehle in seiner Chronik schreibt. Kornwestheim verlor fast ein Viertel seiner Einwohnerschaft. Später zogen Soldaten durch die Gemeinde unter anderem mit der Folge, dass die Zahl der unehelichen Geburten anstieg. Die Kornwestheimer mussten die Truppen aufnehmen, verköstigen, ihnen Pferde, Lebensmittel und Geld überlassen. Ihm habe man, so schreibt Lorenz Jehle auf Seite 3 seiner achtseitigen Chronik, einen Hammerstiel in den Rachen gestoßen und Wasser nachgegossen, um ihn zu erpressen.

Geib und Kappel ordnen Jehles Niederschrift in die Zeit ein und liefern einen chronologischen Überblick über sein Leben. Barbara Geib hat zudem erforscht, wie die Chronik zur Familie Meyle kam – und zwar über eine Cousine von Michael Meyles Großvater Julius Meyle. Sie ist weit in die Meyle’sche Familiengeschichte hineingestiegen und irgendwann bei Lorenz Jehle gelandet, einem direkten Vorfahren von Philip, Florian, Michael und Karl-Heinz Meyle, die stolz darauf sind, das Schriftstück in ihrem Besitz zu wissen.

Die Beiträge 2018 zur Kornwestheimer Geschichte beschäftigen sich außerdem mit der Landesvermessung, die vor 200 Jahren von der Solitudeallee aus gestartet worden ist, mit Wilhelm Bertz, einem Ahnenforscher und Übersetzer vieler alter Dokumente, mit Heinz Grells Erinnerungen an die Kriegsjahre in Kornwestheim und mit dem Deutschen Schuhmuseum in Hauenstein, das die Modellschuhsammlung der Firma Salamander übernommen hat. Die Vereinsvorsitzende Dr. Christa Mack legt zudem den Jahresbericht 2018 vor.

 
 

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