Kornwestheim Wenn die Lehrerin an der Haustür klingelt

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Hinter Petra Götz, der Leiterin der Silcherschule, und ihrem Kollegium liegt eine anstrengende Zeit, die die Schließung wegen der Pandemie mit sich brachte. Foto: Anne Rheingans

Kornwestheim - Mit den Schulschließungen während der Corona-Pandemie standen nicht nur Kinder und Eltern vor großen Herausforderungen. Auch für die Lehrerinnen und Lehrer ergab sich eine neue, belastende Situation. Im Interview blickt Petra Götz, Rektorin der Silcherschule, zurück und erzählt, wie das Kollegium und sie es durch die Krise geschafft haben.

Frau Götz, wie viel Zeit hatten Sie, um sich auf die Schließung einzustellen?

Wir hatten drei Tage Zeit, um uns vorzubereiten. Die Tage vor der Schließung haben wir uns in einer Dienstbesprechung mögliche Szenarien der Materialabgabe und Korrektur überlegt. Unser Ziel war es, vor der Schließung den Kindern die Materialien für die kommenden drei Wochen mitzugeben. Das hat geklappt. Am Freitag vorher konnten wir den meisten Kindern die Übungsmaterialien schon mitgeben, die restlichen haben wir am Montag vor der Schließung verteilt. Damals dachten wir, dass wir nach Ostern wieder regulären Unterricht abhalten. In den Ferien wurde klar: Die Schule bleibt zu, wir müssen andere Wege finden und neuen Stoff vermitteln. So wurde sich in den Osterferien besprochen, Material erstellt, kopiert und neue Wege gesucht, wie man den Kindern neuen Unterrichtsstoff digital erklären kann.

Was gab es alles zu organisieren und zu beachten?

Es war viel zu organisieren. Wir mussten uns überlegen, welcher Lehrstoff auch über Tablet und Handy zu vermitteln und wie das technisch umsetzbar ist. Wir mussten die Wochenpläne der Klassenlehrerinnen organisieren. Wir mussten den Stoff so aufteilen und reduzieren, dass es auch zu Hause für die Eltern machbar ist, die Kinder zu unterstützen. Und wir mussten uns überlegen, wie wir das Ganze kontrollieren, denn wir und vor allem die Kinder brauchen eine Rückmeldung. Das haben wir dann über Kisten geregelt. Die wurden auf dem Schulhof und im Garten von Kornwestheimer Kolleginnen aufgestellt. Die Arbeitsblätter haben die Eltern in Umschlägen dort abgegeben und abgeholt. Bei manchen musste man noch mal nachhören, warum das Material nicht zurückkam. Dabei mussten wir darauf achten, dass wir das Prozedere an der ganzen Schule gleich handhaben. Wir mussten Videokonferenzen und sonstige Technik ausprobieren.

Hat das alles für die Kollegen mehr Arbeit als sonst bedeutet?

Das ist schwer zu beantworten. Die Belastung war definitiv höher, gefühlt war der Stress mehr. Wir mussten parallel die Rückläufer der vergangenen Woche kontrollieren, das neue Übungsmaterial bereits zum Verteilen fertig machen und schon die übernächste Woche vorbereiten ohne zu wissen, ob die Kinder den vorangegangenen Stoff verstanden hatten. An den Wochenenden gab es somit viel Korrekturarbeit. Außerdem war es eine große Herausforderung, den Stoff so auszuwählen und aufzubereiten, dass ihn die Kinder auch ohne den regulären Unterricht nachvollziehen können. Deshalb haben wir unter anderem Erklärvideos gedreht.

Hat das Kollegium auch darüber hinaus Kontakt mit den Kindern gehalten?

Ja, wir haben dienstliche Mailadressen eingerichtet. Einige Lehrerinnen haben feste Telefonzeiten oder Videokonferenzen angeboten. Manche Kolleginnen sind auch persönlich bei den Familien vorbeigegangen und haben sich aus der Distanz mit Kindern und Eltern unterhalten.

Was haben Sie aus dieser Zeit für den regulären Schulalltag gelernt?

Wir wollen die neuen Medien in Zukunft verstärkt einsetzen. Zum Beispiel könnten Videos den Kindern im Sachunterricht bei den Hausaufgaben helfen. Oder sie können am Tablet zu Hause Aufgaben machen. Wir haben auch gelernt, dass wir an unseren Stoffverteilungsplänen noch arbeiten müssen und manche Dinge früher behandeln sollten. Wir haben gesehen, dass man einige Themen nicht in einem Video vermitteln kann. Wir haben aber auch gelernt, dass die Lehrkraft nicht digital zu ersetzen ist.

Was funktioniert zum Beispiel digital nicht?

Die Aufsatzerziehung in Klasse 2. Die Frage: Wie gehe ich an eine Bildergeschichte heran? Wenn es noch mal zu einer Schließung kommen sollte, sollten die Kinder dieses Rüstzeug haben.

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet, dass die Kinder wieder kommen?

Indem wir neue Stundenpläne geschrieben haben. Wir mussten ein umfangreiches Hygienekonzept erstellen. Wir haben Wege markiert, Toilettenregeln erstellt und die Pausen zwischen den Stunden gestrichen, damit es zwischen den Gruppen keine Kontakte gibt. Wir haben auf Frontalunterricht umgestellt. Das alles war für die Kinder bei ihrer Rückkehr sehr befremdlich. Sie haben sich zwar gefreut, wieder in die Schule zu kommen, waren aber ungewöhnlich ruhig und verunsichert. Und als dann nach Pfingsten alle Kinder kommen durften, mussten wir wieder neue Stundenpläne schreiben und unser Konzept noch einmal überarbeiten.

Durch das ausschließliche Lernen zu Hause sind bestimmt Defizite entstanden. Wie lässt sich das ausgleichen?

Wir haben nach Pfingsten fast nur Deutsch, Mathematik und Sachunterricht gelehrt. Es fand kein Sport und kaum Kunstunterricht statt, sodass wir an unserer Schule mit dem Stoff gut vorangekommen sind. Mit den Kindern, die während der Schließung nicht gut mitgekommen sind, konnte man noch einiges aufarbeiten, während die anderen den Stoff wiederholt haben. Unsere Schüler haben gegenüber den Jahrgängen vorher fast keine Lücken.

Was erwarten Sie für die Zeit nach den Sommerferien?

Wir haben noch keine Verordnung. Deshalb planen wir für alle Fächer nach dem regulären Stundenplan, obwohl wir jetzt beispielsweise noch nicht wissen, wie der Schwimmunterricht ablaufen kann und ob wir im Musikunterricht singen dürfen. Wir werden möglichst konstante Gruppen haben und planen mit versetzten Pausen.

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