Kornwestheim Wenn Kinder zu Straftätern werden

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Auf den Schulhöfen gibt es immer mehr Schlägereien. Foto: dpa/Oliver Berg

Kornwestheim - Was passiert, wenn ein Kind eine Straftat begeht? In Kornwestheim kommen dann Paulina Kübler und Hannah Drung zum Einsatz. Sie sind die Jugendsachbearbeiterinnen des Polizeireviers.

Schulschlägereien gibt es immer mehr, auch schon an Grundschulen – Hannah Drung berichtet, was sie in ihrem ersten Jahr als Jugendsachbearbeiterin beobachten konnte. Demnach nehmen vor allem die Straftaten im Internet zu. „Vermutlich wird der Umgang mit elektronischen Geräten zuhause wenig kontrolliert“, sagt Hannah Drung. Außerdem seien sich viele Kinder und Jugendliche nicht bewusst, ab wann ihr Verhalten als Straftat bezeichnet werde. Da reiche es schon aus, ein unvorteilhaftes Foto eines Mitschülers unerlaubt im Internet zu verbreiten.

Unterscheidung zwischen strafmündig und –unmündig

Grundsätzlich wird unterschieden zwischen strafmündigen und strafunmündigen Kindern beziehungsweise Jugendlichen. Als strafunmündig gilt man bis einschließlich 13 Jahre. „Das Kind wird mit seinen Eltern zu uns aufs Polizeirevier vorgeladen und angehört“, sagt Paulina Kübler. Die Straftat wird dann ins polizeiliche Auskunftssystem aufgenommen. „Das ist aber nur für die Statistik und wird bald wieder gelöscht“, sagt Kübler. Dennoch wird eine Strafanzeige an die Staatsanwaltschaft in Stuttgart übermittelt, bei Strafunmündigen wird das Verfahren aber immer eingestellt.

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Von 14 Jahren an werden Jugendliche ebenfalls mit ihren Eltern auf das Revier zitiert. Bei ihnen nennt sich die Befragung zur Straftat dann nicht mehr „Anhörung“, sondern „Vernehmung“. Auch sie werden ins polizeiliche Auskunftssystem aufgenommen und müssen je nach Schwere der Tat oder bei Wiederholungstaten Fotos und Fingerabdrücke machen lassen. Nachdem die Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft eingegangen ist, werden Strafmündige nach dem Jugendgerichtsgesetz bestraft. Außerdem wird die Straftat stets an die Jugendgerichtshilfe gemeldet.

Mit Tätern ins Gespräch kommen

Die beiden Jugendsachbearbeiterinnen sind da, um mit den jungen Tätern ins Gespräch zu kommen. „Eigentlich sind wir nur für strafrechtlich relevante Dinge zuständig, aber wir vermitteln auch, wenn wir das Gefühl haben, dass das an dieser Stelle wichtig wäre“, sagt Paulina Kübler. Ihre Arbeit umfasst alle Straftaten, die von Kornwestheimer Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden (18 bis 21 Jahre) verübt werden, egal wo dies passiert – es kommt auf den Wohnort der Täter an. Die Gespräche mit den Straffälligen sind nicht immer einfach. „Zum Beispiel bei Ladendiebstählen sagen die Eltern oft zu ihren Kinder, dass so etwas doch jeder mal gemacht hat und es nicht so schlimm ist. Dann sind uns praktisch die Hände gebunden“, erzählt Hannah Drung.

Damit Kinder und Jugendliche erst gar nicht zu Straftätern werden, leisten Drung, Kübler und Polizeihauptmeisterin Diana Krüger Präventionsarbeit. In den Klassenstufen sechs bis acht sensibilisieren sie die Schüler für die Themen Gewalt, Drogen und Medien. Eine solche Präventionsarbeit ist von der Polizei an jeder weiterführenden Schule im Kreis Ludwigsburg wie in ganz Baden-Württemberg gewünscht. In Kornwestheim konnte wegen der Pandemie erst im Frühjahr richtig losgelegt werden.

Schlägereien werden oft nicht angezeigt

„Mir ist es immer ein wichtiges Anliegen, mit den Schülern darüber zu sprechen, was eigentlich schon Gewalt ist“, sagt Diana Krüger. Denn Schlägereien in der Schule werden oft nicht angezeigt, obwohl das durchaus angebracht wäre. „Ich versuche den Kindern zu vermitteln, dass sie so nicht mit sich umgehen lassen müssen“, sagt sie. Wenn sich Lehrer oder Eltern nicht sicher seien, ab wann die Polizei gerufen werden sollte, gelte generell: Lieber eine Anzeige zu viel als eine zu wenig.

Die Polizistinnen selbst holen sich Informationen von Schulsozialarbeitern, um die Situation im Blick zu behalten. Insgesamt seien die Schulen sehr an der Kooperation interessiert, meint Krüger. Schon früher, etwa in der Grundschule, anzusetzen, komme derzeit aber nicht infrage. Die Polizisten seien schlicht nicht pädagogisch geschult und könnten den Inhalt erst ab einem bestimmten Alter sinnvoll vermitteln, so Krüger. Allerdings gibt es an Grundschulen die Aktion sicherer Schulweg und für die Kleinsten Kindergartenführungen durch das Kornwestheimer Polizeirevier.

Eltern können Einfluss ausüben

Wenn die Polizistinnen mit den Schülern über Gewalt sprechen, geht es dabei nicht nur um Konflikte innerhalb der Schule. „Es ist auch nicht in Ordnung, wenn der Vater das Kind schlägt“, sagt Krüger. Während der Pandemie habe die Gewalt auf der Straße zwar abgenommen, Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung aber keinesfalls, berichtet die Beamtin. Eltern werden zudem aktiv in die Präventionsarbeit mit einbezogen. Es gibt extra Elternabende für sie, weil sie vor allem beim Thema Medien den direktesten Einfluss auf ihr Kind ausüben können. „Die Eltern, die es am meisten betreffen würde, kommen aber oft nicht zu diesen Veranstaltungen“, stellt Krüger fest.

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