Kornwestheim Willkommen in der Wunderkiste

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Thorsten Brinkmann stellt im Kleihues-Bau aus. Foto: M/arius Venturini

Wenn Thorsten Brinkmann etwas sammelt, tut er dies mit vollem Körpereinsatz. „Ich probiere dann schon mal aus, ob mein Kopf, ein Arm oder ein Bein reinpasst“, sagt der Künstler, dessen Werke von heute an in der Galerie im Klei­hues-Bau zu sehen sind, und die stets mit Gegenständen zu tun haben, die er auf der Straße oder im Sperrmüll findet. Mal ist seine Suche dabei zielgerichtet, mal nicht. „Wenn man nach etwas Bestimmtem sucht, findet man es meistens sowieso nicht“, sagt er.

Brinkmann, 1971 in Herne (Nordrhein-Westfalen) geboren und in Korntal-Münchingen aufgewachsen, präsentiert in Kornwestheim seine Ausstellung „Kastell Inn“. Der Name ist dem Mittelpunkt der Schau entliehen: eine begehbare Rauminstallation, die etwa die Größe eines Schiffscontainers hat und von Regalen umgeben ist. Darin zu sehen ist „sein Schaffenskosmos in überspitzter Form“, wie Museumsleiterin Saskia Dams es formuliert. Heißt: An den Wänden finden sich Bilder, die von ihm geschaffene Werke zeigen, andererseits zieren Abbildungen von Gegenständen aus der Kammer die Wände des großen Ausstellungsraumes. Auf einem Uralt-Plattenspieler dudeln von einer Scheibe mit Heimatliedern dank eines massiven Sprungs stets dieselben vier Sekunden eines Stückes. Die Wände sind eine Mischung aus 1001 Nacht und Schloss Neuschwanstein.

Brinkmann bewegt sich zwischen vielen Welten

Was sich willkürlich anhören mag, ist es in keiner Weise. Ein Erklärungsversuch anhand seines Selbstporträts „Alex dû Horse“ aus dem vergangenen Jahr: „Wie viel Pferd und wie viel Reiter muss auf einem Foto sein, damit man es entsprechend assoziiert?“, fragt Saskia Dams. Abgesehen davon, dass sich der Wahl-Hamburger mit Tonne auf dem Kopf in Reiterpose geschwungen hat, sind zu sehen: eine Kommode, eine gelbe Tischdecke, ein Bottich und ein rotes Holz-Etwas, das als Schwert wahrgenommen wird. In diesen Momenten, mit Selbstauslöser festgehalten, wird Brinkmann zum „Serientäter“. Dementsprechend heißt seine wohl bekannteste Fotoserie auch „Portraits of a Serialsammler“. „Dabei entstehen teilweise absurdeste Ergebnisse“, so der Künstler, „und mit diesen Fehlern kann man wiederum auch arbeiten.“

Dass seine beiden Mentoren ihn stark beeinflusst haben, will Brinkmann gar nicht verneinen. Sein Studium der Bildenden Kunst hat er bei Professor Bernhard Blume von 1997 bis 2002 in Hamburg absolviert, anschließend war er bis 2004 Meisterschüler bei Franz Erhard Walther. Letzterer, da man auch Brinkmanns Werk anfassen kann und soll – zumindest zum Teil. Und Ersterer aufgrund seiner Fotoperformances. So bewegt sich Brinkmann selbst zwischen vielen Welten, die da heißen: Fotografie, Skulptur, Malerei, Installation und Performance.

Wann wird der Sockel zur Kunst?

Mal ein bisschen Édouard Manet wie bei seiner Darstellung der Venus – Brinkmann im blauen Kleid, Mülltonne auf dem Kopf und Lampenschirm an den Füßen. Mal klingen Fotoserien von Cindy Sherman oder Objektkunst von Marcel Duchamp an, dem nachgesagt wird, er habe einst im Jahr 1917 ein Urinal auf einem Sockel platziert. „Es schwingen sehr viele Hochkaräter unterschwellig mit“, betont Museumsleiterin Saskia Dams.

Apropos Sockel: Auch damit hat sich Brinkmann ausgiebig beschäftigt. Eine Fotoreihe, die fast eine komplette Wand des Ausstellungssaals im Kleihues-Bau ziert, befasst sich mit dem „Prinzip Sockel“. Ist etwas Kunst, weil es auf einem Sockel steht? Und kehrt man es um, wird dann der Sockel zur Kunst? Es ist ein Balanceakt zwischen scheinbar wertlosen Gegenständen und den hochkarätigsten Fragen der Kunstwelt: Was ist eigentlich Kunst?

Dieses unlösbare Rätsel führt direkt zum Ausgangspunkt. Denn das, was Brinkmann in seiner Heimat häufig auf Sperrmüll-Märkten findet, ist in den seltensten Fällen Kunst per se. Vielmehr ist es der Vision des Künstlers geschuldet, was daraus wird. Übrigens unterscheide sich seine aufgeräumte Wohnung grundlegend von seinen Arbeitsräumen, in denen seine Sammelei durchaus sichtbar sei.„Es kann sein, dass Gegenstände erst einmal ein paar Jahre in meinem Atelier herumliegen“, gesteht er. Und dann finden sie doch Verwendung. „Es gibt auch Dinge, die verstehe ich selbst nicht“, sagt er.

„Kastell Inn“ ist bis zum 11. September in der Galerie im Kleihues-Bau zu sehen.

Info

Konzept
 Wie Museumsleiterin Saskia Dams betont, soll Thorsten Brinkmanns Ausstellung neben Erwachsenen auch Kinder und Jugendliche ansprechen. Dementsprechend präsentiert sich auch das Begleitprogramm.

Begleitprogramm
 Am Sonntag, 15. Mai, gibt es am Internationalen Museumstag eine Kinderkunstaktion mit fantasievollen Maskeraden. Einen „Upcycling-Workshop“ folgt am Sonntag, 22. Mai. Aus Weck-Gläsern werden Windlichter. Am Sonntag, 24. Juli, wird beim Kreativ-Workshop aus Stoffresten Neues gestaltet. Am Freitag, 2. September, gibt es eine Kuratorenführung mit anschließendem Drei-Gänge-Menü im Applaus. Am Sonntag, 11. September, ist vor der Finissage eine Bastelaktion geplant.  

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