Kornwestheim Wo der Rote Flitzer den Sommer verbringt

Von
Unterwegs im Krebsbachtal: der Rote Flitzer aus Kornwestheim. Foto: Werner Waldner

Kornwestheim - Edgar Seitz hat frische Brezeln mitgebracht, Michael Hirth einen Kaffee aufgesetzt. Im kleinen Aufenthaltsraum des Lokschuppens in Hüffenhardt besprechen der Schatzmeister des Fördervereins Schienenbus und der Zugbegleiter mit dem Lokführer Ditmar Vogel den Tag. Er hat zuvor in der großen Garage nebenan den Roten Flitzer an den Kompressor angeschlossen. Der Schienenbus braucht Luft. Wofür? „Für alles“, antwortet Vogel. Für die Bremse, für die Federung, die Gangschaltung, die Pfeife.

17 Kilometer durch den Kraichgau

9.30 Uhr. Zeit, Kaffeetassen und Teller abzuräumen und den Roten Flitzer anzuschmeißen – für eine Fahrt durchs Krebsbachtal und in die Vergangenheit, die vielleicht die Zukunft bedeutet. Ditmar Vogel steuert die zwei aneinandergekoppelten Fahrzeuge aus dem Schuppen in den Bahnhof Hüffenhardt. Ach, was heißt Bahnhof. Es handelt sich um einen gepflasterten Bahnsteig mit kleinem Unterstand am Rande der 2000 Einwohner zählenden Gemeinde. Die große Eisenbahnwelt mit Hightech, mit Shopping- und Schlemmermeilen in den Bahnhöfen, mit schnittigen ICEs und Rollkoffer ziehenden Fahrgästen dürfen wir an diesem Tage nicht erwarten. Der Schienenbus hat gut 60 Jahre auf dem Buckel, wird mit Dieselkraftstoff betrieben und ruckelt wegen des geringen Achsabstandes ganz gewaltig. Und die Bahnhöfe im Krebsbachtal haben noch nicht einmal Fahrkartenautomaten. Tickets gibt’s im Zug bei Michael Hirth.

9.42 Uhr. Auf die Minute pünktlich startet Ditmar Vogel die Fahrt. Hoppla, ein kleines Missgeschick: Der Lokführer und sein Zugbegleiter Michael Hirth haben vergessen, die Weiche zu stellen. Vogel setzt den Schienenbus ein paar Meter zurück, Hirth springt aus dem Zug und legt den Hebel um – und schon kann die 17 Kilometer lange Fahrt nach Neckarbischofsheim beginnen.

Retter der Nebenbahnen

Eigentlich sind die zwei Schienenbusse – der VT (Motorwagen) und der VS (Steuerwagen) – in Kornwestheim beim Förderverein Schienenbus in der Bolzstraße stationiert. Den Sommer aber verbringen sie seit einigen Jahren im Kraichgau. Mit Hilfe des Roten Flitzers erhält der Förderverein Krebsbachtalbahn die 1902 errichtete Strecke am Leben. Jeden Sonntag, an Feiertagen und einmal im Monat am Mittwoch schlängelt sich der Schienenbus längs des Krebsbachs – nicht nur, wie der Vorsitzende Hans-Joachim Vogt betont, um den Gästen die Schönheiten der Region zu zeigen, sondern verbunden mit der Hoffnung auf einen regelmäßigen, tagtäglichen Personenverkehr, um das nördliche Kraichgau besser an die Region Heilbronn anzubinden. Der Förderverein, 70 Mitglieder stark, sieht Potenzial für einen Regelverkehr – am besten zwischen Neckarbischofsheim und Bad Rappenau. Das Land Baden-Württemberg hat Zweifel, aber Untersuchungen in Auftrag gegeben. „Retter der Nebenbahnen“ wurde der Schienenbus einst auch genannt, weil er ohne großen Aufwand und kostengünstig auf den abseits liegenden Strecken eingesetzt werden konnte. Vielleicht rettet der Rote Flitzer ja auch die Krebsbachtalbahn?

Pünktlich hat der Zug Obergimpern erreicht. Ditmar Vogel hat Verstärkung bekommen. Jamie darf neben dem 70 Jahre alten Lokführer Platz nehmen. Stolz wie Bolle schaut der Schüler aus Bad Rappenau, der zusammen mit seiner Schwester Josephine und seinem Vater einen Tagesausflug unternimmt, Ditmar Vogel auf die Finger und durchs Fenster auf die Gleise. Josephine darf an dem kleinen Hebel ziehen. Ein schriller Pfiff übertönt das Tuckern des Dieselmotors und warnt an unbeschrankten Warnübergängen vor dem herannahenden Schienenbus. Die Kinder strahlen.

Höchstgeschwindigkeit: 60 km/h

Für Ditmar Vogel ist jeder Tag, an dem er den Roten Flitzer durchs Krebsbachtal steuert, ein Feiertag. Der 70-jährige Rentner aus Osterburken ist Eisenbahner mit ganzem Herzen. 1969 startete der gebürtige Sachse bei der DDR-Reichsbahn, zuletzt war er bei der Westfrankenbahn beschäftigt. „Der Beruf ist gleichzeitig mein Hobby“, sagt er. Vogel liebt die Züge, die nicht voll automatisiert über die Gleise surren, sondern bei denen es noch etwas zu tun gibt. Und das gibt’s beim Flitzer. Mit der linken Hand bedient er den am Sitz montierten Gashebel, mit dem Fuß betätigt er alle 30 Sekunden die Sicherheitsfahrschaltung. Die Höchstgeschwindigkeit im Krebsbachtal: 60 Kilometer pro Stunde. An den unbeschrankten Bahnübergang bremst Ditmar Vogel ab. Auch Michael Hirth, 27 Jahre jung und von Beruf Altenpfleger, ist der Bahn verfallen. Jede freie Minute ist er als Zugbegleiter mit dem Flitzer unterwegs.

Wie in der Kindheit

Endstation Neckarbischofsheim. Ditmar Vogel packt die drei Hebel ein, mit denen er den Zug bewegt hat, und geht vom Führerstand des Schienenbusses ans Ende, das für die Rückfahrt nunmehr den Anfang bildet. Edgar Seitz setzt die roten Schlussleuchten vor die Scheinwerfer. Der Krebsbachtäler wartet noch die Ankunft der S 51 aus Heidelberg ab und startet dann wieder seine Tour längs der Felder und Streuobstwiesen, durch Wälder und Dörfer. Die Menschen in ihren Gärten winken Ditmar Vogel zu, er grüßt Fotografen, die den alten Schienenbus auf seinem Weg durch die Landschaft ablichten. Eine Kindergruppe aus Obrigheim steigt zu. Der Ausflug gehört zum Ferienprogramm.

11.44 Uhr. In Siegelsbach eilen Michael Hirth und Edgar Seitz zur Gaststätte neben dem Bahnhof und holen für die Flitzer-Crew in Styroporboxen das Mittagessen ab. Im kleinen Aufenthaltsraum im Lokschuppen in Hüffenhardt legen sie ihre Pause ein, bevor es um 12.42 Uhr wieder auf die Strecke durchs Krebsbachtal geht.

Am Wegesrand

Burg Guttenberg
 Von Hüffenhardt führt eine Wanderung (sechs Kilometer) zur Burg Guttenberg hoch oben über dem Neckar, wo sich auch eine Falknerei befindet.

Bad Rappenau
 Von Siegelsbach aus lässt sich per pedes (fünf Kilometer) Bad Rappenau erreichen.  Sehenswert sind dort die Parkanlagen, die Stadtkirche und die historische Soleförderanlage.

Neckarbischofsheim
In der Stadt finden sich ein fünfeckiger Turm, der Schlosspark und die Pfarrkirche St. Johann mit Wandmalereien aus dem 14. Jahrhundert. Zudem ist dort die Feldbahn heimisch.

Zahlen
Gut 200 Kilometer legt der Zug an einem Fahrtag zurück. Er verbraucht dabei zwischen 120 und 150 Liter Kraftstoff. Die Unterflurmotoren haben eine Leistung von zweimal 150 PS. In der Saison kommt der Förderverein Krebsbachtal auf 3000 bis 4000 Fahrgäste. Fahrräder können auch transportiert werden.

Info
Weitere Informationen und den Fahrplan findet man auf der Homepage des Fördervereins Krebsbachtalbahn unter www.krebsbachtal-bahn.de. Fahrkarten gibt es im Zug. Es gelten aber auch die Tickets der Deutschen Bahn, des BW-Tarifs, des Verkehrsverbundes Rhein-Neckar (VRN) und des Heilbronner-Hohenloher-Haller Nahverkehrs (HNV).

Fotostrecke
Artikel bewerten
3
loading
 
 

Sonderthemen