Kornwestheim Wo die Stille sichtbar wird

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Eines der Bilder des Fotografen aus Kornwestheim: die Bietigheimer Altstadt in winterlicher Idylle. Foto: yakup zeyrek

Kornwestheim - Er fotografiert das Nichts. Die Leere. Die Trostlosigkeit. Die Wehmut. Yakup Zeyrek, Werbefotograf aus Kornwestheim, lichtet im Auftrag des Landratsamtes den Lockdown im Kreis Ludwigsburg ab. Er besucht Unternehmen, Museen und Vereine, er kehrt in Gaststätten ein und fotografiert den Stillstand. Aber bei aller Tristesse ist stets auch die Hoffnung zu erkennen, dass die Menschen zurückkehren, die Zuversicht wird sichtbar, dass Leben in die verlassenen Orte wieder einzieht.

Ja, ein Selfie würde ebenfalls gut in die Reihe der Fotografien passen. Mit dem ersten Lockdown kam auch bei Yakup Zeyrek, der sein Studio an der Murrstraße hat, das Geschäft zum Erliegen. Plötzlich sei er ohne Arbeit gewesen, erzählt der 61-Jährige. Und das trifft jemanden, der quirlig und viel unterwegs ist, der bei seiner Arbeit nicht auf die Uhr schaut, besonders hart. „Plötzlich bist du nicht mehr kreativ.“ Zeyrek organisierte nach 2019 einen zweiten Fotowettbewerb für Handy-Kameras, aber das lastete den selbstständigen Fotografen nicht annähernd aus. Manchmal habe er seine Ausrüstung geschultert und sei ins Studio gegangen, um das Gefühl von Arbeit zu haben.

Ausstellung im Landratsamt

Und dann kam ihm die Idee, den Lockdown mit der Kamera festzuhalten. Zeyrek konnte Landrat Dietmar Allgaier für die Aktion gewinnen, der mit seinen Kontakten so manche seit Monaten verschlossene Tür öffnete und dem Fotografen auch einen Ausweis zur Verfügung stellte, mit dem er beispielsweise während der Ausgangssperre abends unterwegs sein durfte. Aber Zeyrek nutzte auch seine eigenen Verbindungen, um vom Lockdown gebeutelte Menschen für ein Foto zu gewinnen.

Und das sei, berichtet der Kornwestheimer, leichter gewesen als vermutet. Fast alle, die er angesprochen habe, hätten mit Begeisterung mitgewirkt. „Denen geht es schlecht, und das wollen sie zeigen“, sagt Yakup Zeyrek. Ralph und Sabine Hauser zum Beispiel, die in Kornwestheim ein Bekleidungsgeschäft betreiben, haben sich für das Foto in ihr Schaufenster gestellt. Sie wirken selbstbewusst, aber auch so, als seien sie gefangen in ihrem Laden, den sie zwar betreten dürfen, aber ihre Kunden nicht. Jochen Habermaier, Leiter der MHP-Arena in Ludwigsburg, steht in der Mitte des Spielfeldes vor leeren Rängen. Die Stille wird nachgerade sichtbar. Eine Schülerin sitzt allein in einem Klassenzimmer vor ihrem Laptop – Schulalltag im Jahr 2021 in Korntal-Münchingen.

Das leere Hallenbad in Ludwigsburg, Veranstaltungstechniker Stefan Tulipan vor seiner Technik, die derzeit kaum benötigt wird, Pfarrer Joachim Stricker von der Erlöserkirche in Ludwigsburg beim Online-Gottesdienst vor leeren Kirchenbänken, das verwaiste Kino, die W&W-Kantine, in der die Beschäftigten nicht Platz nehmen dürfen, sondern sich das Essen in Boxen abholen müssen – so hat Yakup Zeyrek den Lockdown im Landkreis erlebt und im Foto festgehalten. Was hat ihn besonders bewegt? Vieles, antwortet der Fotograf, weil es ganz häufig um Existenzen gehe, die über Jahre aufgebaut worden seien. Die Blumenhändlerin geht ihm durch den Kopf, die jede Nacht aufwacht, weil sie keine Ruhe mehr findet. Oder der Braumeister, der Bier wegschütten muss, weil es dafür keine Abnehmer mehr gibt.

Künstler in der Karlskaserne

Es sind keine „Schnappschüsse“, die der Kornwestheimer für das Projekt gemacht hat und in den kommenden Wochen noch machen wird. „Ich habe Ideen eingebracht und Regie geführt“, berichtet Zeyrek von der Arbeit vor Ort, die er, wo erforderlich und angebracht, immer mit Maske gemacht hat. Wichtig ist ihm: „Ich möchte nicht nur Bilder zeigen, sondern auch die Geschichten dazu erzählen“, berichtet der 61-Jährige. Deshalb hat er alle Beteiligten gebeten, ein paar Zeilen zu ihren Gefühlen und Erlebnissen in dieser Pandemie aufzuschreiben, die später bei der Ausstellung im Landratsamt zu den Fotos präsentiert werden sollen.

Rund 60 Termine hat der Kornwestheimer in den vergangenen Monaten organisiert und wahrgenommen. Da sei schon viel Zeit draufgegangen, berichtet er. Aber an Zeit mangelt es ihm derzeit weniger. In dieser Woche hat Zeyrek Künstler in die Karlskaserne eingeladen, wo er in einem Raum seine Studioblitzanlage aufgebaut hat. Sie sind dem Aufruf gerne gefolgt. „Viele waren glücklich, einfach mal rauszukommen.“ Die Musiker, Schauspieler und Maler bittet er, auf ein großes Stück Papier zu schreiben, was sie bewegt. Vor stets ein und derselben Kulisse lichtet Yakup Zeyrek die Künstler dann mit ihren Statements ab. Einer hat einen Witz zu Papier gebracht: „Der Arzt zum Schauspieler: ,Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie: Sie haben nur noch 30 Tage zu leben.’ Der Schauspieler: ,Wovon denn?’“