Kreis Ludwigsburg „In der Hochphase war es fünf vor zwölf“

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Landrat Dietmar Allgaier will sich für eine Stärkung der Gesundheitsämter einsetzen. Foto: factum/Andreas Weise

Kreis Ludwigsburg - Was lief gut, wo muss nachgebessert werden, und wie krisenfest ist der Kreis? Seit Anfang 2020 ist Dietmar Allgaier Landrat in Ludwigsburg, und fast von Anfang an stand ein Thema weit über allen anderen: die Bewältigung der Coronakrise. Die Pandemie habe auch hierzulande erhebliche Defizite offen gelegt, sagt Allgaier, und fordert Veränderungen auf mehreren Ebenen.

Herr Allgaier, wie haben Sie als neuer Landrat die Krise erlebt?

Ich werde nie von meinen ersten hundert Tagen im Amt sprechen, sondern von zweimal 50 Tagen: Die erste Hälfte verlief noch ziemlich normal, ich konnte noch Termine wahrnehmen. Nach dem Lockdown war das natürlich völlig anders. Ich war stark in die Entscheidungen rund um das Thema Corona eingebunden. Wenn ich da was Positives für mich ableiten würde, würde ich sagen, dass ich dadurch die Möglichkeit bekommen habe, das Landratsamt und die Mitarbeiter näher kennenzulernen. Da ich ständig im Haus war, habe ich viel mitbekommen von den Prozessen, Strukturen und Menschen.

Was hat Ihrer Meinung nach intern gut funktioniert und was weniger gut?

Neben vielen Fachbereichen, die in dieser Krisensituation hervorragend funktioniert haben, fand ich den Schub für die Digitalisierung positiv. Wir haben kurzfristig 500 Homeoffice-Arbeitsplätze eingerichtet. Aber man erkennt auch Defizite in Prozessen und Strukturen. Wir beginnen gerade mit der Bewertung. Das ist mir sehr wichtig, bevor wir zum Tagesgeschäft zurückkehren. Wir wollen in diesen Bereichen eine Optimierung angehen.

Was heißt das konkret?

Wir haben beispielsweise in unserem Gesundheitsdienst einen erheblichen organisatorischen Weiterentwicklungsbedarf. Die Gesundheitsämter sind personell völlig unterbesetzt, weil sie Probleme bei der Personalgewinnung haben. Die finanzielle Attraktivität des öffentlichen Gesundheitsdienstes kann bei weitem nicht mit dem Gehaltsniveau in Kliniken oder Privatpraxen mithalten. Ich glaube auch, dass der durchaus interessante und vielseitige Bereich ein Imageproblem hat.

Wie sind Sie damit während der Krise umgegangen?

Ende März haben wir den Verwaltungsstab eingerichtet, eine Organisationseinheit für Krisensituationen. Ab diesem Zeitpunkt haben wir alle nötigen Entscheidungen bündeln und auch die Kommunikation in alle Richtungen optimieren können. Wir haben unser Gesundheitsamt außerdem massiv mit Personal aus anderen Bereichen des Landratsamts verstärkt, auch um Ärzte und Mediziner von organisatorischen Dingen zu entlasten.

Wie sah die Zusammenarbeit mit den Kommunen aus?

Anders als in anderen Landkreisen haben wir die Nachverfolgung der Kontaktpersonen an die Ordnungsämter der 39 Städte und Gemeinden abgeben können. Auch wenn wir diesen Aufgabenbereich jetzt zum 1. Juli wieder zurücknehmen, war das in der Hochphase der Pandemie für uns eine große Entlastung.

Wenn Sie das Gesundheitsamt stärken wollen, ist auch das Land gefragt.

Ja, deshalb haben wir, die Landräte aus den Landkreisen der Region – also Esslingen, Böblingen, Rems-Murr, Göppingen und Ludwigsburg – uns dazu entschieden, auf jeden Fall eine Initiative an das Sozialministerium heranzutragen, um auf das Thema aufmerksam zu machen.

Mit welchem Ziel?

Wir werden uns für die personelle Stärkung der Gesundheitsämter im öffentlichen Dienst aussprechen. Aus meiner Sicht braucht es auch ein Image-Konzept, weil es die Medizinstudenten nicht gleich im ersten Schritt in die örtlichen Gesundheitsämter drängt. Alles hängt natürlich auch mit der Besoldung zusammen. Meiner Meinung nach hat die Krise gezeigt, dass bestimmte Tätigkeiten in den Gesundheitsämtern nicht zwingend von Ärzten geleistet werden müssen, sondern auch von Biologen oder Gesundheitsingenieuren erledigt werden können.

Die Verteilung von Masken und Schutzausrüstungen lief schleppend…

Ja, Schutzausrüstung war am Anfang Mangelware. Wir konnten uns nicht auf das verlassen, was letztlich vom Land geliefert wurde. Deshalb sind wir selbst tätig geworden und haben auch auf persönliche Kontakte zurückgegriffen. Wir haben Schutzausrüstung aus Deutschland, aber auch aus dem Ausland, zum Beispiel China, beschafft. Und wir hatten natürlich auch Zuteilungen über das Land, aber erst relativ spät. Ich finde es toll, dass es auch Unternehmer gab, die gesagt haben, wir stellen unsere Produktion um. Ich denke, dass man daraus die Lehre ziehen muss, dass man so etwas wie Schutzausrüstungen national vorhalten muss.

Wie gefährlich war der Mangel an Schutzausrüstung tatsächlich?

In der Hochphase im März war es fünf vor zwölf. Da wurde mir von der Klinikleitung gesagt: Wenn wir jetzt nicht irgendwie in den nächsten Tagen eine Lösung finden, dann haben wir keine mehr. Bund, Land, Kommunen und Landkreise haben es da gerade noch rechtzeitig geschafft, gemeinsam das Material zu beschaffen.

Wie weit war der Landkreis von einer Situation wie etwa in Italien entfernt?

Von dramatischen Bildern wie aus der Provincia di Bergamo, zu der wir als Landkreis eine enge Freundschaft pflegen, waren wir weit entfernt. Wir standen zu unseren Freunden in engem Kontakt. Aber man muss ehrlicherweise sagen, dass wir in unseren Kliniken zeitweise schon über 60 oder 70 stationäre Aufnahmen von Corona-Infizierten hatten, von denen deutlich über 40 Patienten beatmet werden mussten. Darunter auch Patienten aus anderen Gegenden und Regionen.

Stichwort Digitalisierung: Sie haben sich dafür ausgesprochen, Schüler besser auszustatten. Wie wollen Sie das umsetzen?

Der Landkreis ist Schulträger bei den beruflichen Schulen und sonderpädagogischen Bildungseinrichtungen. Wir vom Landratsamt wollen das Thema Digitalisierung ohnehin völlig neu aufstellen. Aus meiner Sicht bedarf es einer Fortschreibung oder auch vielleicht in einzelnen Schulen einer völlig neuen Medien-Entwicklungsplanung, damit wir künftig die Schülerinnen und Schüler wirklich auch gut ausstatten können. Eines hat die Krise gezeigt: Wir müssen das digitale Lernen viel stärker in den Blick nehmen. Viele Schüler haben zu Hause gelernt und gearbeitet. Aber von der Krise waren natürlich auch Familien betroffen, die technisch keine so gute Infrastruktur haben.

Sind Sie im Landratsamt schon zum Alltag zurückgekehrt?

Wir arbeiten am Öffnungskonzept für unser Haus. Aber wir sind natürlich trotzdem auf eine zweite Welle vorbereitet. Die Epidemiologen und Virologen gehen davon aus, dass sie im Herbst kommen wird. Die Frage wird nur sein, in welchem Umfang und in welcher Größenordnung. Und das hängt stark davon ab, wie vernünftig unsere Gesellschaft bleibt, auch wenn jetzt in den nächsten Wochen die Reisetätigkeit wieder losgeht. Trotz aller Lockerungen sollte man weiterhin auf die Einhaltung des Sicherheitsabstands achten, Mundschutz tragen und größere Menschenansammlungen meiden.

Wie wird sich der Einsatz der Corona-App auf die Arbeit des Gesundheitsamtes auswirken?

Seit Anfang Juli ist wieder der Landkreis für das Ansprechen der Kontaktpersonen von Infizierten zuständig. Bei uns wird es nach wie vor die Hotline geben. Wenn man die App heruntergeladen hat und Kontakt zu Infizierten hatte, kann man sich an das Gesundheitsamt oder die niedergelassenen Ärzte wenden, um einen Abstrich machen zu lassen.

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