Kreis Ludwigsburg Ludwigsburg will nicht mehr den ganzen S-21-Schutt entsorgen

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Auf der Deponie Froschgraben in Schwieberdingen wird viel Erdaushub aus Stuttgart angeliefert. Foto: factum/Granville

Ludwigsburg - Die Kreisräte sind ziemlich sauer. „Wir zeigen dem Umweltminister und den anderen Landkreisen die Rote Karte“, schimpfte in der jüngsten Sitzung des Kreistags etwa der FDP-Rat und Ingersheimer Bürgermeister Volker Godel. Im Stich gelassen, ausgenutzt und hintergangen fühlt sich das Kreisparlament.

Woher rührt die Aufregung? Es geht vor allem um Stuttgart 21. Der Bau des Tiefbahnhofes in Stuttgart erzeugt gewaltige Massen Erde, die entsorgt werden müssen. In einem Gutachten rechnet die Ludwigsburger Abfallgesellschaft AVL mit 47 000 Tonnen Aushub pro Jahr, der etwa beim Umbau des Gleisfeldes oder Bohren der riesigen Tunnel bis zur Filderebene anfällt.

Eigentlich muss der Regionalverband einen Teil des Stuttgart-21-Aushubs entsorgen, doch dieser hat keine eigenen Deponien. Praktischerweise hat die Region jedoch seit 1999 ein Abkommen, wonach auf den Ludwigsburger Deponien Froschgraben und Burghof grundsätzlich mineralische Abfälle aus der gesamten Region entsorgt werden. Bauschutt, Erde, Gips und Schlamm – alles landet im Kreis Ludwigsburg, bis zu 214 000 Tonnen pro Jahr. Das sind mehr, als im Kreis selbst anfällt.

Die Ludwigsburger verdienen viel Geld mit der Erde

Das ist nicht nur eine Last, sondern auch ein gutes Geschäft für die AVL, wie der Geschäftsführer Tilman Hepperle in seiner bedächtigen Art im Kreistag vorgerechnet hat: „Wir können uns mit den Entgelten am Markt orientieren.“ Sprich: Die AVL verdient Geld damit. Andererseits sind die Kapazitäten auf den Deponien nicht unendlich – und die rege Bautätigkeit bringt viele weitere Lastwagenladungen hervor.

Nun laufen die Verträge zwischen Region und Landratsamt aus – und müssen um fünf weitere Jahre verlängert werden. Um es vorwegzunehmen: Dies hat der Kreistag gegen die Stimmen der Linken und bei einigen Enthaltungen getan, aber mit geballter Faust in der Tasche.

Denn schon seit vielen Jahren fordert etwa der Landrat Rainer Haas für seine AVL, dass auch die anderen Kreise Kapazitäten schaffen und einen Teil des regionalen Bodenabfalls entsorgen. „Weder Böblingen noch Esslingen, Rems-Murr oder Göppingen halten Kapazitäten vor“, kritisierte etwa der CDU-Rat Reinhard Rosner, Ex-Bürgermeister von Oberstenfeld. „Es kann auf Dauer nicht so sein, dass wir die Lasten der anderen tragen.“ Der Linken-Rat Peter Schimke rief in seiner Rede gar zum „Widerstand“ auf.

In Esslingen versteht man die Kritik aus Ludwigsburg nicht

Wie reagieren die anderen Kreise auf diese Kritik? Manche mit einem Eingeständnis. „Wir haben derzeit keine eigenen Kapazitäten“, räumt in Böblingen der Sprecher Benjamin Lutsch ein. Man habe eine Standortsuche für neue Deponien in Auftrag gegeben und wolle zeitnah entscheiden. Oder man versucht es mit Ablenkung: Lutsch verweist darauf, dass man etwa beim Bioabfall mit Esslingen kooperiere. In Esslingen wiederum erinnert man einfach an geltende Verträge und kann die Aufregung nicht verstehen. So erklärt Manfred Kopp, der Geschäftsführer des Abfallwirtschaftsbetriebes: „Die Region Stuttgart ist entsorgungspflichtig und hat eine Vereinbarung mit der AVL getroffen. Insoweit kann ich die Äußerungen aus Ludwigsburg nicht nachvollziehen.“ Überhaupt, sagt Kopp, sei für den Stuttgart-21-Erdaushub die Bahn verantwortlich, der Kreis Esslingen habe deshalb mit dem Thema nichts zu tun – damit ist für ihn die Angelegenheit schon vom Tisch.

Die anderen Kreise haben wenig Deponien

Eine weitere Möglichkeit der Reaktion auf die Ludwigsburger Kritik ist, kleine Fortschritte anzupreisen. Im Rems-Murr-Kreis gibt man etwa an, die vollständig aufgefüllte Deponie Backnang-Steinbach im vergangenen Jahr um 0,7 Hektar für ganze 140 000 Tonnen Erdschutt erweitert zu haben. „Damit hat der Abfallbetrieb AWRM die Voraussetzung geschaffen, mineralische Abfälle deponieren zu können“, erklärt die Sprecherin Martina Keck. Der Platz ist allerdings auch für heimische Erde aus dem Rems-Murr-Kreis gedacht.

Solche Reaktionen ist man in Ludwigsburg seit vielen Jahren gewohnt. Besserung sei schon vor fünf Jahren versprochen worden, erinnerte der SPD-Rat Ernst-Peter Morlock. Damals ging es um die vierte Verlängerung. „Unser Appell hat keine Wirkung“, so Morlock.

Landrat Rainer Haas bemüht sich um Diplomatie

Landrat Rainer Haas immerhin bemüht sich angesichts des Proteststurms seiner Kreisräte um Diplomatie: „Die Botschaft ist auch in den anderen Landkreisen angekommen, dort sind erste konkrete Schritte erfolgt.“ Haas denkt auch an die Zeit, wenn die Deponien Froschgraben und Burghof in fünf Jahren aufgefüllt sind. Dann müssen neue Standorte gefunden werden. „Das erfordert politischen Mut“, sagt Haas im Hinblick auf mögliche Widerstände vor Ort.

Bis 2024 bleibt es jedenfalls dabei – der Erdschutt der Region landet im Kreis.

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