Kreis Ludwigsburg Warum unser Biomüll 100 Kilometer gefahren wird

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Die Biomüllvergärungsanlage – hier ein Luftbild vom August 2019– liegt mitten in einem Wald. Foto: BVB Biogutvergärung

Kreis Ludwigsburg - Seit knapp einem Monat wird der Biomüll aus dem Landkreis Ludwigsburg nach Rheinland-Pfalz gefahren: zur Biomüllvergärungsanlage in Westheim im Landkreis Germersheim. Am 10. Oktober wurde die 17 Millionen Euro teure Anlage eingeweiht und nach Angaben des Geschäftsführers des Betreiberkonsortiums Biogutvergärung Bietigheim GmbH (BVB) Rainer Kübler gehe die „Gasaufbereitung und -einspeisung dieser Tage in Betrieb“. In vier Wochen laufe die Anlage dann mit voller Kapazität.

Damit ist den Verantwortlichen gelungen, was ihnen im Landkreis Ludwigsburg verwehrt blieb: eine Bürgerinitiative und ein erfolgreicher Bürgerentscheid verhinderten, dass eine ähnliche Anlage auf dem Gelände des ehemaligen Steinbruch Fink in Bietigheim-Bissingen gebaut werden konnte.

150 Tonnen CO2 mehr durch die LKW-Fahrten

Nun wird der Biomüll des Landkreises also knapp 100 Kilometer nach Norden gefahren, um dort verwertet zu werden. Laut BVB-Chef Kübler hält sich die Umweltbelastung dadurch in Grenzen: Die Anlage entlaste die Umwelt durch die Produktion von Biogas, das dann bei der Wärmeerzeugung Erdgas ersetzt, um 8 800 Tonnen CO2 im Jahr. Die Fahrten der LKW – 1000 im Jahr oder im Schnitt knapp 20 pro Woche – belasteten die Umwelt lediglich mit 150 Tonnen Kohlenstoffdioxid, rechnet Kübler vor.

Insgesamt soll die Anlage pro Jahr 48 000 Tonnen Biomüll verwerten. 8000 Tonnen sollen aus der Stadt Karlsruhe kommen, 12 000 aus dem Kreis Germersheim und 28 000 Tonnen aus dem Kreis Ludwigsburg. So weit ist man hier indes noch nicht: Die AVL plant durch eine Kampagne die Biomüllmengen zu steigern und ihn zudem sauberer zu machen. Denn Fremdstoffe im Biomüll schaden der Anlage und später auch der Landwirtschaft.

Beschwerden von Anwohnern gibt es bislang keine

Denn neben umgerechnet 34 Millionen Kilowattstunden Biogas werden in Westheim auch 17 000 Tonnen Kompost und 16 000 Kubikmeter Flüssigdünger erzeugt, die dann in der örtlichen Landwirtschaft zum Einsatz kommen sollen. Das produzierte Gas wird von der BVB verkauft und vom Gasnetzbetreiber Creos eingespeist. Der große Vorteil von Biogas ist laut Kübler, dass es wetterunabhängig produziert und gespeichert werden kann – anders als Wind- und Solarenergie.

Beschwerden von Anwohnern wie damals in Bietigheim gibt es bislang nicht: Die Anlage liegt mitten in einem Wald auf dem Gelände eines Wertstoffhofs der Suez Süd GmbH – einem privatwirtschaftlichen Entsorgungsunternehmen mit 17,3 Milliarden Euro Umsatz in 2018, zu deren Kunden auch die Stadt Stuttgart gehört. Zudem hat die BVB vom Landkreis Germersheim die Auflage erhalten, dass die Lieferrouten nicht durch die benachbarten Orte führen dürfen.

Die Anlage ist 20 Jahre lang wirtschaftlich

Die BVB hat das Gelände von Suez gepachtet, die es wiederum vom Eigentümer, dem Landkreis Germersheim bis ins Jahr 2040 gepachtet hat. „Ich freue mich, dass wir in guter interkommunaler Zusammenarbeit die Anlage realisiert haben“, sagte der Germersheimer Landrat Fritz Brechtel bei der Einweihung.

Wie es in 21 Jahren dann mit der Biomüllvergärung weitergeht, ist bislang noch unklar. „20 Jahre sind eine gute Zahl, was die Lebensdauer der Anlage angeht“, sagt Kübler. Für diese Zeit sei die Wirtschaftlichkeit gewährleistet – auch weil die Verträge zur Biomüllabnahme mit dem Landkreis Ludwigsburg und der Stadt Karlsruhe langfristig angelegt seien. Nach 20 Jahren in Betrieb müsse die Anlage generalüberholt werden, sagt Kübler – und lässt aber offen, ob das geplant ist.

Biomüllverwertung im Landkreis Ludwigsburg – die Vorgeschichte

Standort
Erste Pläne für eine Biomüllvergärungsanlage wurden im Sommer 2015 von den Stadtwerken Bietigheim-Bissingen (SWBB) vorgestellt, die Teil des Betreiberkonsortiums BVB sind. Dabei ging es zunächst um den Standort in der Nähe des Waldhofs an der Straße nach Löchgau. Darauf gründete sich eine Bürgerinitiative, mit dem Ziel, die Anlage dort zu verhindern.

Prüfung
Die SWBB lieferten eine Alternative: den ehemaligen Steinbruch Fink. Auch hier regte sich Protest in Form einer Bürgerinitiative, was schließlich in einem Bürgerentscheid mündete: am 17. Juli 2016 stimmten nach einer hitzigen Debatte fast 13 000 Wahlberechtigte gegen die Anlage, nur 3000 dafür. für BVB und die Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises AVL war dies ein herber Rückschlag.

Überraschung
Im Juli 207 meldete die AVL dann überraschend, dass man einen alternativen Standort gefunden habe: knapp 100 Kilometer entfernt, in Westheim im Landkreis Germersheim in Rheinland-Pfalz. Die Anlage solle als interkommunales Projekt in Betrieb gehen.

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