Kunstradsport Kunstradfahren beginnt mit Balance

Von Marius Venturini
Gewagt: Lena auf dem Lenker, festgehalten von Vater Steffen Sammet. Foto: /arius Venturini

Kornwestheim - Steffen Sammet wuchtet die blaue Weichbodenmatte aus dem Gerätelager. Sie wird die Krönung des Parcours werden, den er bei der letzten Übungseinheit des Jahres für die Kinder aufgebaut hat. Viele, viele weitere Matten, Bänke und abenteuerliche Konstruktionen aus Ringen, Seilen und Kästen stehen in der Halle der Kornwestheimer Philipp-Matthäus-Hahn-Schule schon bereit. Und ein Barren. Zwischen dessen Holme klemmt Sammet die große Matte, sodass sie am Ende zu einer weichen Rutschbahn wird. Jetzt kann’s losgehen mit dem Kunstradtraining für den Nachwuchs des Radsportvereins Möve Kornwestheim.

Was aber haben die ganzen Aufbauten mit Kunstradfahren zu tun? Das erklärt Sammet, 40 Jahre alt, Vereinsvorsitzender und mehrfacher Deutscher Meister in der Randsportart aller Randsportarten, so: „Es geht um die Balance und das Körpergefühl, und die Kinder sollen sich natürlich auch etwas trauen.“ Und dazu soll der Parcours dienen, den die Kinder frei benutzen dürfen und für den sich Sammet jede Woche etwas Neues einfallen lässt.

Keine Bremsen

Aber natürlich dreht der Nachwuchs auch seine Runden auf den doch etwas seltsam anmutenden Fahrrädern, die Sammet und sein Vater Wolfgang sogleich aus dem Keller der Halle holen. Hier hat der Verein sein Lager, auch die Erwachsenen-Räder stehen dort.

Es gibt keine Bremsen an den Gefährten, zudem eine Eins-zu-eins-Übersetzung – sprich, die Pedale drehen sich immer weiter – sowie einen auffällig gebogenen Lenker. Das alles kennen die Kinder aber schon längst. Zwischen sechs und neun Zwei- bis Siebenjährige sind jede Woche mit dabei.

Natürlich muss ein Verein, der sich einer solchen Nischensportart widmet, um jede Sportlerin und jeden Sportler kämpfen. Dafür müssen niederschwellige Angebote her, die Kinder und Jugendliche schon früh abholen. „Wenn Kinder wirklich mit Kunstradsport anfangen möchten, ist ein Alter zwischen sechs und acht Jahren am besten“, sagt Sammet. Danach sei es recht sicher zu spät.

Stehend auf dem Lenker

Und, wie so oft im Vereinssport der Fall, ist auch das Kunstradfahren zu einem guten Teil eine Familienangelegenheit. Sammets Ehefrau und seine Cousine helfen ebenfalls beim Training mit. Und auch Sammets Tochter Lena schwingt sich aufs Rad. Und wie. Füße auf die Stange, mal auf einer Seite stehen, Beine nach hinten, alles kein Problem für die Fünfjährige.

Und das war noch längst nicht alles. Mit Hilfestellung des Vaters traut sie sich sogar, auf dem Lenker zu stehen und sich schieben zu lassen. „Es ist wie Geräteturnen, nur eben auf einem beweglichen Gerät“, sagt Sammet, während er das Töchterlein durch die Halle bugsiert.

Dem Möve-Vorsitzenden ist sehr wohl klar, dass bei vielen Kindern vor allem der Spaß im Vordergrund steht anstatt eines wirklichen späteren Fokus’ auf den Kunstradsport. Aber auch dann sei das Training nicht vergebens. „Es bringt ja auch etwas für das Radfahren im Straßenverkehr, die Übungen stärken das Reaktionsvermögen, man lernt, was das Fahrrad mit einem macht“, so Sammet.

Furchtlosigkeit wird antrainiert

Außerdem lernt man das Fallen. Denn, auch das wird während des Trainings klar: Vor unfreiwilligen Abstiegen ist kein Kind gefeit, auch wenn die Sicherheit mit jeder Runde wächst. „Eine gewisse Furchtlosigkeit wird antrainiert“, formuliert Sammet. Das Training für die Kleinen hat der Verein übrigens auch während diverser Corona-Beschränkungen durchziehen können. „Da haben wir die Zwei-Haushalts-Regel genutzt, die Kinder durften nacheinander kommen, jeweils für eine halbe Stunde“, so der Coach. Das sei sicher nicht vollständig optimal gewesen, habe aber ganz gut funktioniert. Welche Beschränkungen im neuen Jahr auf den Verein und seine jungen Sportlerinnen und Sportler zukommen, müsse man sehen.

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