Leseratte Ihre Hoheit Alexandra I.

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Alexandra die Erste beim Fasnetsumzug durch Kornwestheim. Foto: Peter Meuer

Kornwestheim - Die Leseratte kam aus dem Staunen einfach nicht heraus. So schöne Kostüme hatte sie noch nie gesehen. So laute Musik hatte sie noch nie gehört. Und dann entdeckte die Leseratte zwischen den vielen Hexen, Geistern und Narren auch noch eine Prinzessin. In einem langen blauen Kleid mit gelben Verzierungen lief ihre Hoheit mit der Menschenmasse beim Kornwestheimer Faschingsumzug mit.

Der Umzug ist mittlerweile schon einige Tage her, aber der Nager kann die Prinzessin einfach nicht vergessen. „Ich hätte auch gerne so eine tolle Verkleidung“, denkt sich die Ratte und kommt auf einmal ins Grübeln. „War das überhaupt ein Kostüm? Vielleicht ist sie ja eine echte Prinzessin!“ Jetzt will die Leseratte es genau wissen und macht sich auf den Weg zur Narren-Ober-Liga (NOL). Der Kornwestheimer Faschingsvereins gehört zu den Organisatoren des Umzugs. „Von denen muss also jemand wissen, wer die Prinzessin ist“, ist sich der Nager ziemlich sicher.

Im Vereinsheim der NOL angekommen, fragt die Ratte Alexandra Freudl, die erste Person, die ihr auf dem Gang entgegenkommt: „Wo finde ich die Prinzessin?“ Alexandra strahlt: „Das bin ich.“ Die Leseratte ist enttäuscht. Keine Krone, kein Glitzer in der Kleidung. „Also bist du keine echte Prinzessin?“, murmelt sie.

„Doch ein bisschen schon! Ich bin seit meiner Inthronisation, also meiner Krönung, im November bis zum Aschermittwoch ‚Alexandra die Erste’, die Prinzessin der Narren-Ober-Liga“, entgegnet die junge Frau schmunzelnd. Der Nager versteht nur Bahnhof. „Was macht eine Faschingsprinzessin überhaupt?“, fragt er sichtlich verwirrt. Amüsiert über die Planlosigkeit der Ratte beginnt Alexandra zu erklären.

„Als Prinzessin hat man vor allem repräsentative Aufgaben. Das bedeutet, ich stehe stellvertretend für die ganze Narren-Ober-Liga. An Ordensabenden anderer Vereine verteile ich Geschenke an deren Mitglieder. Bei Veranstaltungen der NOL begrüße ich Gäste und bin repräsentativ anwesend.“ Die Leseratte hört gespannt zu. „Vielleicht ist sie doch eine echte Prinzessin“, denkt sie sich. „Am Tag des Rathaussturms übernehmen die Fasnetsvereine das Rathaus Kornwestheims. Dann übernehme ich die Macht über die Stadt“, erklärt Alexandra Freudl weiter ihre Aufgaben. „Außerdem werden am Faschingsdienstag die Prinzen oder Prinzessinnen und die Vereinspräsidenten aller Fasnetsvereine Württembergs in das Stuttgarter Schloss eingeladen. Was mich da erwartet, weiß ich allerdings selber noch nicht.“

„Boah“, staunt die Ratte, „wie eine echte Prinzessin auf einem Schloss“. Sie wird fast schon ein bisschen eifersüchtig. „Vielleicht kann ich ja auch mal so etwas werden“, überlegt sie und fragt: „Wie kann man denn Prinzessin der NOL werden?“ „Der Präsident des Vereins, Martin Türk, entscheidet, wer Prinzessin oder Prinz wird“, antwortet sie. Eigentlich hat jedes Mitglied im Verein, das über 18 Jahre alt ist, die Möglichkeit dazu.“ „Mist“, denkt sich die Ratte, „bis ich 18 Jahre alt bin, dauert es ja noch eine Ewigkeit.“

„Eigentlich übernimmt die Aufgabe meistens ein Paar, nicht nur eine Prinzessin alleine“, verrät Alexandra Freudl der Leseratte. „Wieso hast du dann keinen Prinzen an deiner Seite?“, will diese sofort wissen. Die Prinzessin beginnt zu schmunzeln. „Mein Freund ist kein Fasnets-Fan.“ Sie lacht und erklärt weiter: „Und mit einem Fremden wollte ich die Aufgabe einfach nicht so gerne übernehmen.“ Der Nager nickt verständnisvoll.

„Aber wieso gibt es denn überhaupt einen Prinz oder eine Prinzessin?“, fragt die Leseratte weiter. Das komme noch aus der Zeit, in der das Bürgertum sich zur Fasnet über die Obrigkeit lustig gemacht habe. „Die Narren und Hexen haben ihre eigenes Oberhaupt mitgebracht, um die echte Prinzessin oder den echten Prinzen zu verärgern“, weiß Alexandra Freudl. Die Leseratte kichert. „Das war aber eine clevere Idee“, denkt sie sich.

Jetzt ist der Nager überzeugt – Alexandra Freudl ist irgendwie doch eine echte Prinzessin. Zum Abschluss darf die Leseratte sogar das Kleid der Prinzessin anschauen. Das habe sie sich selbst aussuchen dürfen, erklärt sie der Ratte stolz. „Ich habe mich an den Stadtfarben von Kornwestheim, Blau und Gelb, orientiert“, erzählt Alexandra Freudl. Und nach Aschermittwoch darf sie das Kleid sogar behalten.

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