Ludwigsburg Die Rofa-Community zeigt Flagge

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Rofa-Anhänger mit eigenem Glaubensbekenntnis: In Massen waren die Fans am Samstag auf den Rathausplatz geströmt und dann in die Weststadt gezogen. Foto: factum/Simon Granville

Ludwigsburg - Was ein kerniger Rocker ist, der säuselt nicht blumig daher. „Heilige Scheiße“, entfährt es DJ Eddy Freiberger von der Ludwigsburger Rockfabrik beim Blick auf den Rathausplatz, „wir sind echt überwältigt!“ Vor ihm stehen Rofa-Fans. Viele Rofa-Fans. Um die 2000, schätzt die Polizei. In Kutten, mit Piercings und Tattoos, im Schottenrock oder in Jeans, Karohemd und Sneakers. Ein bunt gemischter Haufen, der nicht in Schubladen zu kategorisieren ist – was viele Rofa-Besucher schätzen und gerne hervorheben.

Sie haben Plakate dabei, auf die sie Sprüche wie „There is no Rofa B“, „Rofa for Future – Lasst uns wenigstens einen Teil unserer Zukunft“ oder „Rofa - hier stirbt Kultur“ gepinselt haben. Und sie können es einfach nicht glauben, dass der Kult-Club zum Jahresende von der Ludwigsburger Bildfläche verschwinden soll.

„Jeder kann kommen, wie er ist“

Die Menschenmenge ist gekommen, um Flagge zu zeigen, um zu demonstrieren, wie wichtig die Rofa für sie ist. Immer wieder ist vom „zweiten Wohnzimmer“ die Rede. „Wer in die Rofa geht, fühlt sich zuhause“, fasst Götz Arnscheid, der die Demo initiiert hat, diese Verbundenheit in Worte. Dass es mit diesem „Zuhause“ bald vorbei sein solle, verstehe niemand.

„Die Gründe können wir nicht nachvollziehen, weil wir sie nicht kennen“, sagt Arnscheid. „Aber nur wenn man Gründe kennt, kann man versuchen, Argumente und Lösungen zu finden. Und wenn’s diese Lösungen nicht gibt, kann man eventuell Verständnis aufbauen und die Entscheidung womöglich irgendwann auch akzeptieren. Aber im Moment haben wir nur den Schlag vor den Kopf bekommen, die Rofa macht dicht, Ende Gelände. Das wollen wir nicht so akzeptieren.“ Frenetischer Applaus begleitet seine Worte.

Zu denen, die finden, dass der ganze Großraum Stuttgart ohne Rofa um eine Institution ärmer wäre, gehören Christine Heinß, Torsten Fischer, Joachim Volk und Jochen Müller aus Heilbronn. Sie sind an diesem Samstag angereist, wie sie es normalerweise alle zwei, drei Wochen montagabends tun, und haben hölzerne Kreuze dabei, als würde die Rofa bereits zu Grabe getragen. Als wäre es abgesprochen, tönen aus den Lautsprechern düster und unheilschwanger die „Hells Bells“ von AC/DC. „Es wäre tragisch, ein echtes Drama, wenn’s die Rockfabrik nicht mehr gäbe“, sagen die Vier. „Es ist so super dort, jung und alt, jeder kann kommen, wie er ist, keiner wird komisch angeguckt.“

Zuflucht und Zuhause

Bernhard Zink wird vielfach angeguckt an diesem Nachmittag – wenn auch nicht komisch, sondern begeistert. Er hat sich in Kiss-Montur geworfen, mit schwarzweiß geschminktem Gesicht in Gene-Simmons-Style, Glitzerkostüm und Plateau-Tretern. Dabei steckt hinter der harten Schale ein weicher Kern: Meistens ist der Schreinermeister nämlich in anderer Verkleidung unterwegs, als Krankenhausclown in der Kinderklinik. In seiner Kiss-Aufmachung, mit der er der Rockfabrik seine Reverenz erweisen will, ist er am Samstag sehr umschwärmt, Zink kommt kaum hinterher, alle Wünsche als Fotomodell zu erfüllen. Zwischendurch hat der Ditzinger – ein Rofa-Besucher der ersten Stunde – aber doch ein bisschen Zeit, von der Disco zu schwärmen. „In den 70er-Jahren galt man mit langen Haaren ja als ein Aussätziger, als Assi und Alkoholiker“, erzählt er. Da sei die Rofa, in der man immer gute und gleichgesinnte Leute getroffen habe, eine Zuflucht gewesen.

Torsten Krieger aus Winnenden, im John-Belushi-Outfit auf der Demo, schwärmt vom für ihn einzigartigen Rockfabrik-Spirit: „Das Schöne ist, dass jeder in der Rofa sein kann, wie er ist. Alle zwei, drei Wochen kommt zum Beispiel ein Trupp von behinderten Leuten. Die zappeln, was das Zeug hält, und spielen genauso Luftgitarre wie wir alle. Ganz selbstverständlich“, erzählt er. Krieger hofft inständig, dass es für die Rofa eine Zukunft gibt. „Wenn irgendwo eine Tür zugeht, tut sich ja oft anderswo eine auf.“

Ralph Schertler, der in der Nachbarschaft der Rockfabrik bei Bosch arbeitet, hat sogar eine eigene, firmeninterne Facebook-Gruppe ins Leben gerufen: Er hofft, dass viele Boschler darauf hinwirken, dass ein Dialog mit dem Vermieter zustande kommt. „Bosch legt Wert auf gute Arbeitsbedingungen und Work-Life-Balance. Für viele von uns gehört zu dieser Work-Life-Balance auch die Rockfabrik“, sagt er. Die Rofa zähle für sie zum Kulturangebot der Region Stuttgart „wie für andere Kollegen die Oper, das Staatstheater oder die Ludwigsburger Schlossfestspiele.“ Eine Schließung, findet er, wäre ein weiterer Tiefschlag für das vom Clubsterben bedrohte Nachtleben, „man denke nur an Das Unbekannte Tier, die Radiobar, Bravo Charlie, Röhre, Zapata, Suite 212, Rocker 33 oder das Zollamt“.

„Irgendwo ist eine Grenze“

Als die Rofa-Fans sich, eskortiert von Polizei und Ordnern, nach vielen emotionalen Ansprachen Richtung Weststadt in Bewegung setzen – nicht ohne von Eddy Freiberger darum gebeten worden zu sein, keinen Müll herumliegen zu lassen („Wir wollen uns nicht nachsagen lassen, dass wir die Stadt verschmutzen!“), stößt ihr Anliegen aber nicht nur auf Zuspruch. Auf dem Weg in die Grönerstraße liegt beispielsweise ein Restaurant, an dem viele Rofa-Fans nachts nach ausgiebigem Feiern vorbeikommen. „Die pinkeln mir an die Wände, schmeißen ihre Zigarettenkippen vor die Tür oder kotzen vor das Haus“, erzählt Inhaber Mai Tran entnervt. Manchmal würden auch die Blumen aus den Kübeln gerissen oder gleich die ganzen Kübel mitgeschleppt und an anderer Stelle liegen gelassen. Das Geschrei in den frühen Morgenstunden sei oft so laut, dass man aufwache – ein paar Stunden, bevor man ohnehin wieder aufstehen müsse. „Ja, okay, das sind junge Leute, aber irgendwo ist eine Grenze“, findet er.

Als der Zug an seinem Zielort, der Rockfabrik, ankommt, sind der Platz und das Kaufland-Parkhaus überfüllt von Menschen, die zu Freddie Mercury vom Band „We will rock you“ singen. Die Demo ist zu Ende, jetzt geht die After-Party los. Auf der Demo-Strecke ist es dann doch nicht gänzlich Müll- und Flaschen-frei geblieben. Das macht zumindest zwei Flaschensammlern eine kleine Freude. Für sie sind die Hinterlassenschaften in Form von Dosen und Pullen ein unverhoffter Glücksfang.

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