Ludwigsburg Eine junge Frau kämpft gegen Upskirting

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In Deutschland ist das heimliche Fotografieren unter Röcke bislang nicht strafbar. Das soll sich ändern. Foto: dpa

Ludwigsburg - Einen Teilerfolg hat Hanna Seidel schon errungen. Upskirting – das Fotografieren unter Röcke und Kleider von Frauen und Mädchen – soll unter Strafe gestellt werden. Zumindest wollen die Länder Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern das. Dazu bereiten sie derzeit einen Gesetzesentwurf für eine entsprechende Bundesratsinitiative vor. „Wir freuen uns natürlich, dass sich politisch jetzt einiges bewegt“, sagt Seidel. „Wir finden es aber schade, dass es scheinbar erst einen Medienrummel geben musste, damit sich was tut.“ Überregional machte die Studentin aus Ludwigsburg in den vergangenen Wochen Schlagzeilen. Seidel, die an der Filmakademie Werbefilm studiert, und ihre Mitstreiterin Ida Marie Sassenberg hatten eine Petition gegen das Up­skirting gestartet. Mittlerweile haben sie beinahe 55 000 Menschen unterschrieben.

In Großbritannien war eine Petition erfolgreich

Viel habe sich in der kurzen Zeit verändert, sagt Hanna Seidel. Nicht nur, dass sich die Politik dem Problem jetzt annehme. „Opfer schreiben uns, bisher nicht Betroffene Menschen bekommen ein Bewusstsein für das Problem“, sagt die 28-Jährige. Viele Menschen, denen Seidel und Sassenberg von ihrem Engagement erzählen, könnten nicht glauben, dass es in Deutschland nicht unter Strafe steht, Frauen unter den Rock zu fotografieren.

Häufig geschieht das heimlich, die Frauen merken davon nichts. Später landen die Bilder und Videos dann auf Youtube oder auch auf Pornoseiten im Internet. Die Verbreitung solcher Aufnahmen steht bereits unter Strafe, das Fotografieren selbst bislang noch nicht.

In Deutschland gilt: Nur wenn sich ein Opfer in einer Wohnung aufhält und die Aufnahme damit den „höchstpersönlichen Lebensbereich“ verletzt, ist Fotografieren gesetzeswidrig.

Viele Länder sind schon weiter: Bei japanischen Handys zum Beispiel lassen sich die Klick-Geräusche der Kameras nicht abstellen, in Finnland, Schottland, Australien, Neuseeland und Indien steht Upskirting unter Strafe. In England hat das Parlament Anfang Januar ein Gesetz verabschiedet, das diese Art des Voyeurismus verbietet. Täter müssen mit bis zu zwei Jahren Gefängnis rechnen. Davor war die Rechtslage ähnlich wie in Deutschland. In Großbritannien ging die Gesetzesänderung auf die Initiative der Aktivistin Gina Martin zurück. Auch sie hatte eine Petition gestartet. Das bestärkte Seidel und Sassenberg in ihrem Vorhaben. Für Hanna Seidel war es aber auch ein persönliches Anliegen, sich gegen Upskirting stark zu machen.

Lehrer filmt 13-Jährigen auf Klassenfahrt unter die Röcke

„Ich möchte nicht, dass jemand in die Lage kommt, in die ich als Minderjährige zweimal gekommen bin – ich möchte, dass die Opfer die Polizei um Hilfe bitten können“, sagt die gebürtige Niedersächsin. Die Polizei um Hilfe bitten, das konnte Seidel damals nicht, als ihr mit 16 Jahren ein Mann auf einem Musik-Festival unter den Rock fotografierte. Ein Freund machte sie damals darauf aufmerksam, Seidel konfrontierte den Täter zwar damit, er sei aber nur aggressiv geworden und habe sie beschimpft. Es war nicht das erste Mal, dass Seidel sich mit dem Thema auseinandersetzen musste. Mit 13 Jahren war sie auf einer Klassenfahrt, auf der Lehrer einer anderen Schule Mädchen unter die Röcke filmten. Hanna Seidel bekam das mit. „Das war total verstörend.“

Natürlich hätten ihre Erfahrungen den Drang verstärkt, die Intimsphäre – auch die anderer Frauen – besser zu schützen, sagt Seidel. „Ich weiß eben, wie angeekelt man sich fühlt, wenn man als 16-Jährige fürchten muss, dass sich ein wildfremder, erwachsener Mann wahrscheinlich zu Bildern von meinem Intimbereich befriedigt.“ Aber wahrscheinlich hätte sie die Petition auch dann gestartet, wenn ihr diese Erfahrung erspart geblieben wäre. „Es lag so offen auf der Hand: Die vielen Quellen, die belegen, dass es keine Straftat ist, keine Kommentare aus der Politik und ein Beispiel aus einem anderen Land, wo man gesehen hat, man kann tatsächlich was ändern“, zählt Seidel ihre Beweggründe auf. Richtig Fahrt aufgenommen hat die Unterschriftenaktion aber erst, nachdem die Internetplattform change.org darauf­ aufmerksam wurde. Online wurden aus ein paar hundert Unterstützern schnell mehrere tausend.

100 000 Unterschriften sind das neue Ziel

Die Reaktionen auf die Petition seien nicht nur positiv gewesen, berichtet Ida Sassenberg: „Im Netz wurden wir teilweise wüst beschimpft – größtenteils von Männern.“ Entmutigen lassen haben sie sich trotzdem nicht. Und das zahlte sich aus. Bei der Frühjahrskonferenz der Justizminister brachte der baden-württembergische Vertreter Guido Wolf (CDU) das Thema zur Sprache, und nun kommt wohl die Bundesratsinitiative.

Für Hanna Seidel, die auch deshalb Werbefilmerin werden möchte, weil sie „den vielleicht naiven Wunsch“ hegt, in der Werbung etwas an den für sie bedenklichen Rollenklischees zu ändern, ist die Kampagne gegen das Upskirting noch nicht zu Ende. Obwohl das erste Ziel erreicht ist und die Politik sich des Themas angenommen hat. „50 000 Unterschriften sind gut, 100 000 wären besser“, sagt sie. So viele hat auch Gina Martin in Großbritannien innerhalb von zwei Jahren gesammelt. Seidel und Sassenberg machen also weiter. „Falls es dann doch wieder auf politischer Ebene im Sand verläuft“, sagt Seidel, „dann haben wir noch mehr Stimmen und können sagen: Leute, das könnt ihr nicht beiseite legen.“

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