Ludwigsburg Eine Statue, die keiner haben wollte

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Seit 138 Jahren thront die Schiller-Statue auf dem Ludwigsburger Schillerplatz – das Umfeld hat sich in dieser Zeit extrem verändert. Foto: factum/Andreas Weise

Ludwigsburg - Recht einsam steht er da, Schiller auf seinem Sockel. Durchaus groß und erhaben zwar, aber doch ziemlich unbeachtet. Was nicht an Schiller liegt und auch nicht an seinem Denkmal, sondern allein an dem Ort, an dem es platziert ist. Der Schillerplatz liegt zwar zentral in der Ludwigsburger Innenstadt, aber schön ist er nicht. Das dreieckige Areal auf halber Strecke zwischen Bahnhof und Wilhelmgalerie ist im Lauf der Zeit immer mehr zu einem innerstädtischen Verkehrsknoten geworden.

Mehr Verkehrskreisel als Park. Inmitten der Hektik und des Lärms bleibt selten jemand stehen, um den 1805 in Weimar gestorbenen Dichter zu betrachten. Mancher Autofahrer sieht in ihm eher ein Verkehrshindernis. Vier Fußgängerampeln blocken Passanten ab. Man bleibt auf Abstand, hastet vorbei – obwohl Friedrich Schiller eine der bedeutendsten Personen der Ludwigsburger Stadtgeschichte ist. Nicht weil der große Denker die Stadt geprägt hat, sondern die Stadt ihn – und damit seine berühmten Werke.

In Überlebensgröße steht seit 138 Jahren seine Statue auf dem Podest vor dem ehemaligen Zeughaus, heute Staatsarchiv. Sein etwas leerer Blick ist auf den Haupteingang der Kreissparkasse gerichtet. Was sein Gesicht ausdrücken soll, darüber streiten Historiker. Etwa zehn Lebensjahre und vor allem den größten Teil seiner Schulzeit hat Schiller in Ludwigsburg verbracht. Stadtchronisten pochen darauf, dass der Schöpfer zahlreicher Literaturklassiker in der Lateinschule die Bildung bekommen hat, die aus ihm zuerst einen Mediziner und dann einen bis heute weltweit bekannten Literaten werden ließen.

Die Stadtväter hatten sich 1881/1882 bei der Suche nach einem angemessenen Standort durchaus Mühe gegeben. Noch 1958 schrieb ein Autor über das Denkmal: „Seit 76 Jahren schmückt nun das Monument einen der freundlichsten Plätze im Herzen unserer Stadt, wo es in lieblicher Umrahmung von Grün und duftenden Blumen immer wieder den Vorübergehenden wie auch die vielen Fremden zu stiller Betrachtung ermahnt.“

Keine 20 Jahre später war von der besinnlichen Atmosphäre kaum noch etwas übrig, die Autos hatten die Stadt erobert. Weshalb schon damals laut darüber nachgedacht wurde, wie sich die Situation verbessern ließe. In einem Zeitungsbericht von 1974 verleiht ein anderer Autor seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Arsenalstraße und der Schillerplatz zu einer Fußgängerzone werden. Für die Autos, hieß es in dem Text, werde dann nur noch die an den Schillerplatz angrenzende Mathildenstraße geöffnet sein.

Die Hoffnung hat sich bis heute nicht erfüllt, aber die Idee von damals lebt noch immer. Aktuell plant die Stadt, die Innenstadt um die beiden Plätze komplett umzugestalten, aufzuwerten – nicht für Autos, sondern für Fußgänger. Vielleicht bekommt dann auch das Schillerdenkmal seine Würde zurück.

Auf dem Sockel der Statue steht in großen Lettern: „Schiller“ – und sonst nichts. Schöpfer des Denkmals ist der Ludwigsburger Bildhauer Ludwig von Hofer (1801-1887). Er befand: „Schiller – mehr ist nicht zu sagen. Der Genius spricht für sich.“

In der Vergangenheit hat Schillers Familienname offenbar ausgereicht. Die Lebensdaten des Dichters waren parat, vermutlich kamen den Betrachtern zahlreiche auswendig gelernte Verse ins Bewusstsein. Der Bildhauer machte sich fast 30 Jahre lang immer wieder Skizzen, bevor er sich 1880 im italienischen Carrara, wo er an einem anderen Auftrag arbeitete, an die Umsetzung machte. Aus diesem Grund ist die Statue aus edlem Marmor.

Die Realisierung dauerte auch deswegen so lange, weil Schillers Geburtsort Marbach die Hofer-Figur nicht haben wollte – und sich auch keine anderen Interessenten fanden. 1882 schenkte Hofer das Denkmal dann seiner Heimatstadt Ludwigsburg. Zu einer Zeit, in der alle Städte, mit denen Schiller in Berührung gekommen war, dem Dichter längst ein Denkmal errichtet hatten. Stuttgart hatte seins schon 1839 aufgestellt.

Ob Hofer die Schenkung ehrlichen Herzens machte oder er keine Lust mehr hatte, sein Werk weiter zu bewerben, ist nicht überliefert. Der Bildhauer war zu diesem Zeitpunkt bereits 81 Jahre alt. In die Inschrift auf der Hinterseite des Sockels hat er eingraviert, dass er das Denkmal auch seinen Eltern gewidmet habe.

Am 17. September 1882 wurde die Statue eingeweiht. Oberbürgermeister Heinrich von Abel (1825-1917) belohnte den Künstler zwar nicht mit Geld, dafür mit der Ehrenbürgerschaft der Stadt. Außerdem wurde eine Straße nach ihm benannt: Die Hoferstraße ist die Verlängerung der Schillerstraße in Richtung Westen.

Wie Friedrich Schiller über Ludwigsburg dachte, ist nur in Ansätzen bekannt. 1793 wohnte er für wenige Monate an der Ecke See- und Wilhelmstraße. Dort kam sein Sohn Karl zur Welt. Der Dichter war zu dieser Zeit schon schwer krank. Elf Jahre später starb er in Weimar, ohne je seine Heimat wieder gesehen zu haben.

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