Ludwigsburg Weniger Autos, mehr Sorgen

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Günstiger parken im Parkhaus: Ob die neuen Tarife in Ludwigsburg die Autos von der Straße ziehen? Foto: factum/Simon Granville

Ludwigsburg - Michael Ilk hat zurzeit wahrscheinlich wenig Freude, wenn er Einkäufe erledigt. Schon als bekannt wurde, dass die Stadt die Parkgebühren erhöhen möchte, konnte der für Mobilität zuständige Bürgermeister kaum noch zum Bäcker, Metzger oder Friseur. „Überall wurde ich angesprochen“, so Ilk. Und nun, da die Erhöhung beschlossen wurde, wird sich die Stimmung der Einzelhändler nicht unbedingt bessern.

„Das ist für den stationären Einzelhandel sicher nicht förderlich“, sagt etwa Sarah Hildbrand, die Centermanagerin der Wilhelmgalerie. „Das ist eine Katastrophe“, sagt Carin Kunz von der Parfümerie Schuback. Und Christoph Sprenger, der Chef bei Oberpaur, meint, dass eine Innenstadt auch veröden könne, wenn man engagierte Innenstadtakteure ausbremse.

Tatsächlich will die Stadt jedoch nur den Verkehr ausbremsen. „Die Straßen sind am Anschlag angekommen“, sagt Michael Ilk. Im Idealfall, so der Gedanke, sollen Besucher ihr Auto daheim lassen. Wenn das nicht geht, sollen sie auf der Suche nach einem freien Platz wenigstens nicht die Straßen verstopfen, sondern direkt Parkhäuser ansteuern, wo das Parken günstiger ist. Zum Vergleich: Eine Stunde parken kostet in einem städtischen Parkhaus 1,50 Euro, die erste halbe Stunde ist sogar gratis. In der City kostet ein Ticket für eine Stunde auf einem öffentlichen Parkplatz künftig 2,40 Euro, 60 Cent mehr als bisher.

Theoretisch handelt die Stadt lehrbuchmäßig. „Das Parkraummanagement ist eine ganz wichtige Stellschraube, um die Probleme des motorisierten Individualverkehrs in den Griff zu bekommen“, sagt Philine Gaffron. Die promovierte Oberingenieurin arbeitet am Institut für Verkehrsplanung und Logistik der Technischen Universität Hamburg und kennt die Diskussionen, die in vielen verkehrs- und schadstoffgeplagten Städten geführt werden. Und natürlich kennt die Forscherin auch die Sorgen der Einzelhändler, die überall dieselben sind: Weniger Verkehr, weniger Kunden, weniger Umsatz. Allerdings hat Philine Gaffron auch eine beruhigende Nachricht für sie: „In der Regel stellt sich heraus, dass die Änderungen gut für den Einzelhandel sind.“

Diese Erkenntnis bezieht sich auf Städte, aus denen der Verkehr gleich ganz verbannt worden ist. In Oslo zum Beispiel hat die Stadtregierung seit 2015 schrittweise Autos aus dem Zentrum verbannt, und in diesem Jahr auch noch mehr als 700 Parkplätze durch Radwege, kleine Parks oder Sitzbänke ersetzt. Im belgischen Gent wurde 2017 die Fußgängerzone erweitert, und die Quartiere der Stadt sind mit dem Auto nun nur noch über eine Ringstraße erreichbar, also relativ umständlich.

Gleichzeitig stieg aber die Aufenthaltsqualität für Nicht-Autofahrer – was laut Philine Gaffron, der Grund dafür ist, dass sich die Befürchtungen der Einzelhändler im Schnitt letztlich nicht bewahrheiteten. Wer sich mehr und länger in einer attraktiven Umgebung aufhalte, konsumiere bereitwilliger. „Menschen ziehen Menschen an, Autos tun das eigentlich nicht“, sagt Philine Gaffron. Voraussetzung: Die Alternativen werden gestärkt.

Was Bus und Bahn betrifft, beginnt im neuen Jahr tatsächlich eine neue Zeitrechnung. Besonders in Ludwigsburg wird der Bustakt deutlich verdichtet. Und theoretisch halten auch die im Innenstadtverein Luis organisierten Händler und Gastronomen das Vorgehen der Stadt für nachvollziehbar. Praktisch fragt sich Carin Kunz trotzdem, warum Kunden noch in die Innenstadt fahren sollten – wenn online alles viel bequemer zu haben ist. Und praktisch findet Christoph Sprenger, dass das Pferd von hinten aufgezäumt wird.

So erfreulich der bessere Bustakt sei, der Großteil des Landkreises habe davon nichts. Für den Großteil der Kunden von Oberpaur und anderen Geschäften werde es deshalb nicht attraktiver, auf das Auto zu verzichten. Laut einer aktuellen Luis-Erhebung fuhren 2019 mehr als 66 Prozent der Kreisbürger mit dem Auto in die Ludwigsburger Innenstadt; rund fünf Prozentpunkte mehr als 2013. Hinzu kommen, so Sprenger, die vielen Baustellen in der Innenstadt. Im neuen Jahr beginnt zudem die Kreissparkasse ihr Großbauprojekt. Danach steht der Umbau des Arsenalplatzes an. „Das Breuningerland hat solche Probleme nicht“, sagt Sprenger, der befürchtet, dass die höheren Gebühren die Besucher weniger in die Parkhäuser denn aufs Tammerfeld lenken.

Das jedoch will der Innenstadtverein verhindern. Er setzt nach Angaben des Citymanagers Markus Fischer auf noch mehr Aktionen, die die Besucherfrequenz in Ludwigsburg hoch halten sollen. Und er will den „Parkeschön“-Gutschein in einen „Dankeschön“-Bon verwandeln. Aus einem Rabatt für das Park- oder Busticket, soll eine Gutschrift werden, die auch in anderen Läden eingelöst werden kann.

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