Ludwigsburg Wie ein Müllskandal den Landkreis erschüttert hat

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1996: Proteste in Ludwigsburg gegen hohe Müllgebühren und unseriöse Geschäfte der AVL Foto: factum/Archiv

Ludwigsburg - Man mag sich heute kaum mehr vorstellen, wie 1989 Müll entsorgt wurde. Alles auf eine Deponie, Glas, Plastik, Papier, Bauschutt. Dann gab es die Idee, beim Wilhelmshof am heutigen Ikea-Kreisel in Tamm einen riesigen Müllofen zu bauen, in dem alles verbrannt werden sollte. Doch der damalige Landrat Ulrich Hartmann entschied sich mit den Kreispolitikern für einen vollkommen anderen Weg: Am 1. Juli 1989 wurde die Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises Ludwigsburg (AVL) gegründet. Plötzlich setzte man auf Mülltrennung und Recycling.

Das schien Ende der 80er Jahre noch ziemlich mutig. In Bietigheim-Bissingen bezog die AVL ein Büro mit einem jungen Team. „Wir waren damals alle so um die 30“, sagt Henning Markevic, der seit 1990 mit dabei und heute Abteilungsleiter für Finanzen ist. In der neu gegründeten GmbH durften keine Beamten arbeiten, daher wechselten vor allem junge Kollegen dort hin. Es herrschte Aufbruchstimmung, man wollte etwas verändern.

Ludwigsburg war ökologischer Vorreiter

Vermeiden statt verbrennen, sortieren statt deponieren. Die Biotonne wurde 1991 eingeführt und das legendäre System „Rund und flach“: Eine Tonne für runden Müll und eine für flachen. Aber was gehört wo rein? „Der Klassiker war die Schallplatte“, sagt Henning Makevic, „die war rund und flach.“ Die Antwort: weder noch, eine Platte ist schlicht Restmüll.

Wie das System „Rund und flach“ entstanden ist, dazu gibt es eine schöne Geschichte: Der erste AVL-Geschäftsführer Klaus Marbach soll in den USA ein Müllsystem besichtigt haben, das sich „Round and flat“ nannte. Vermutlich ist das aber eher im Bereich der Legende zu verbuchen. Tatsächlich waren die damals angeschafften Sortieranlagen so konstruiert, das eine runde Dose auf einer schiefen Ebene rollte und Papier eben nicht.

Der Aufbruch und ein Skandal

Pioniergeist herrschte vor. In Schwieberdingen entstand die Bauschuttdeponie Froschgraben, Wertstoffhöfe wurden gebaut. Das mit umgerechnet 450 Millionen Euro kalkulierte Restmüllheizkraftwerk aber nicht. Dann gab es eine grandiose Fehleinschätzung: Der Landkreis wollte im großen Stil bereits renaturierte Deponien zurückbauen und erneut mit Müll auffüllen. Ein bundesweit beachtetes Pilotprojekt, das Gewinn bringen sollte. „Es kamen Besucher aus halb Europa“, erinnert sich Makevic, „wir mussten sogar eine Straße zu einer Aussichtsplattform teeren wegen des Andrangs.“

Doch das Ganze entpuppte sich als Luftnummer, die Kosten galoppierten davon, 55 Millionen Euro Defizit standen am Ende. Als 1996 Rainer Haas als neuer Landrat begann, räumte er gründlich auf. Henning Makevic erinnert sich: Als Landrat Haas die Deponie Froschgraben zum ersten Mal besichtigte, die noch im Bau war, erschien ihm das alles viel zu überdimensioniert – und er verhängte unmittelbar einen Baustopp.

Bürgerproteste gegen zu hohe Müllgebühren

Es gab mächtig Ärger. Die Bürger protestierten gegen explodierende Müllgebühren, mit denen die Verluste aufgefangen werden sollten. Der Geschäftsführer wurde entlassen, er landete sogar vor Gericht und wurde verurteilt.

Jochen Mund wurde Interimsgeschäftsführer, seine Ernennung erfolgte binnen Stunden. Er wurde am Tag einer Aufsichtsratssitzung frühmorgens angerufen und gefragt, ob er am Nachmittag AVL-Chef werden wolle. „Darf ich noch meine Frau fragen?“, soll er geantwortet haben. Er durfte – und sprang ein. 1997 folgte ihm Bernhard Skolik, der fünf Jahre blieb und Krisenmanagement betrieb. „Alles wurde auf den Kopf gestellt“, erzählt Henning Makevic. Als alles erledigt war, ging Skolik zur Stadt Freiburg.

Schließlich entschied Rainer Haas, dass die AVL so gut aufgestellt sei, dass man keinen hauptamtlichen Geschäftsführer mehr benötige. Der Vizelandrat Christoph Schnaudigel erledigte den Job nebenher. Was den Vorteil hatte, dass die Anbindung an den Landrat zwar eng, die verdoppelte Arbeitsbelastung für seinen Stellvertreter jedoch enorm war. Diese personelle Konstruktion scheiterte jedoch mit dem Nachfolger von Christoph Schnaudigel, der 2007 Landrat im Kreis Karlsruhe wurde: Utz Remlinger, der neue Erste Landesbeamte, wie es offiziell heißt, verstand sich nicht mit Rainer Haas.

Streit zwischen Haas und Remlinger

Die Kommunikation versiegte, die AVL kämpfte mit Protesten gegen schwach strahlenden (freigemessenen) Bauschutt des Neckarwestheimer Atomkraftwerkes. Und dann ging 2016 ein Bürgerentscheid für eine Biogutvergärungsanlage in Bietigheim-Bissingen verloren. Die Anlage wird nun mit Partnern in der Pfalz gebaut. Utz Remlinger warf das Handtuch und wurde Regierungsvizepräsident in Tübingen.

Es folgte eine Rolle rückwärts: Angesichts der vielen Aufgaben in der AVL mit inzwischen 150 Mitarbeitern wurde wieder ein hauptamtlicher Chef installiert, seit 2018 ist der verbindliche Manager Tilman Hepperle im Amt.

Haas: Wenn es die AVL nicht gäbe, müsste man sie erfinden

Statt 800 000 Tonnen Müll vergräbt die AVL nur noch rund 70 000 pro Jahr in Deponien – und denkt über eine Reform des „Rund-und-Flach“-Systems an. Eine Wertstofftonne könnte die Müllabholung deutlich vereinfachen.

Die AVL ist wieder in ruhigeren Fahrwassern und erhält viel Lob. „Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden“, sagt Rainer Haas, der zum Jahresende in Pension geht. Vor 30 Jahren war Mülltrennung noch eine Sensation, die Ludwigsburger galten mit zwei anderen Kreisen als „Süd-Rebellen“. Inzwischen gehören sie zu den wenigen Kreisen ohne Gelben Sack – und sind stolz darauf.

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