Remseck Auf Werbetour für die Westrandbrücke

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Die Stadt Remseck will ein Zentrum entwickeln – und dafür den Verkehr über eine neue Brücke im Westen führen. Foto: privat

Remseck - Am 15. November haben es die Rems­ecker in der Hand. Oberbürgermeister Dirk Schönberger sieht in der Entscheidung über das Großprojekt nichts weniger als eine Schicksalsfrage für Remseck: „Es geht um die Chance, das Leben an den zwei Flüssen zu verwirklichen – oder auch nicht“, sagte er am Mittwoch beim fast dreieinhalbstündigen Auftaktabend zum Bürgerentscheid Westrandbrücke. Baubürgermeisterin Birgit Priebe sprang ihm bei: Die West-Verlegung der verkehrsumtosten Brücke sei die Voraussetzung dafür, „eine Stadtentwicklung zu erreichen, wie sie andere große Kreisstädte schon lange haben“. Mit einem Zentrum, das Wohnraum für rund 1000 Menschen, Handel, Dienstleistung und Flaniermöglichkeiten am Neckar bietet. Warum sehen Stadtverwaltung und Verkehrsplaner die Westrandbrücke als Dreh- und Angelpunkt für diese Entwicklung?

Die Verkehrslawine

Über das Nadelöhr Neckarbrücke zwischen den Remsecker Stadtteilen Neckarrems und Neckargröningen fahren täglich im Durchschnitt rund 34 000 Autos und 3500 Lastwagen. Allein 61 Prozent davon sind Durchgangsverkehr, besagt eine aktuelle Analyse.

Der Fahrzeitverlust durch Staus betrage teils bis zu 145 Prozent, Verdrängungsverkehr suche sich andere Wege, sagte der Verkehrsplaner Frank Gericke vom Karlsruher Verkehrsplanungsbüro Modus Consult am Mittwoch. „Die Brücke ist voll, die Knoten davor sind voll, es geht einfach nicht mehr.“ Und für die Zukunft, so die allgemeine Einschätzung, werde der Verkehr weiter zunehmen. „Selbst wenn der Individualverkehr leicht zurückgehen würde, wäre die Straße nötig“, so die Einschätzung des Planers.

Die erhofften Verbesserungen

Kommen die Westrandstraße und die Westrandbrücke, würde der Verkehr weiter westlich an Neckargröningen vorbeigeleitet. Auf der Neckarbrücke wären nur noch Fußgänger, Radfahrer und Busse unterwegs, das Zentrum könnte zukunftsgewandt und bürgerfreundlich entwickelt werden.

Gerhard Leitenberger, der am Mittwoch für einen parteiübergreifenden Zusammenschluss von Remsecker Befürwortern des Großvorhabens sprach, appellierte: „Wir müssen dringend handeln. Ein Nein zur Westrandbrücke heißt Stillstand. Das wollen wir nicht, sonst ändert sich in den nächsten 50 Jahren nichts.“ Wann das Projekt fertig sein könnte? „Wir sind optimistisch, dass das noch in diesem Jahrzehnt wäre“, so der Erste Bürgermeister Karl-Heinz Balzer.

Die Knackpunkte

Der Lärm würde mit der Westrandbrücke nicht verschwinden, sondern durch die Neutrassierung der Landesstraße verlagert. Laut Frank Dröscher, Fachmann für Immissionsschutz, würde der Umbau „deutliche Verbesserungen für die Siedlungen von Neckargröningen“ bringen. Die Schlossbergsiedlung beispielsweise werde aber noch mehr Lärm abbekommen als bisher schon. Umfangreicher baulicher Lärmschutz sei notwendig, etwa entlang der Fellbacher Straße – in Form einer Lärmschutzwand oder eines Walls.

Kritiker der Westrandbrücke, die sich in der Bürgerinitiative „Wir für morgen“ zusammengeschlossen haben, wollen den Durchgangsverkehr ganz aus Remseck heraus haben und keine Neue Mitte „mit dem Charme einer Autobahnraststätte“. Sprecher Dietrich Schreiner befürchtet: „Diese Neue Mitte wird kein Ort der Ruhe, sondern durch Schall, Abgase und Feinstaub kontaminiert werden. Die Westrandbrücke ist das Ende der urbanen Entwicklung Remsecks.“

Und die Kosten?

Viele Bürger treibt die Frage um: Was kostet das alles? Die Antwort der Verwaltungsspitze: Das sei noch nicht seriös zu beziffern. „Remseck wird sich nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag verschulden, sonst würden wir es nicht wagen, Ihnen das Projekt überhaupt vorzuschlagen“, so Birgit Priebe. Zudem werde die Stadt durch Grundstücksverkäufe auch ordentlich Geld einnehmen.

Fest stehe: Das Land trage 75 Prozent der Kosten, die Stadt 25 Prozent. Zu der Summe von 20 Millionen Euro, die früher schon im Raum stand, sagt Dirk Schönberger: „Es ist verfrüht, im Moment eine konkrete Zahl zu nennen, weil wir noch in der Vorplanung sind.“

Der Faktor Nordostring

Sollte man nicht lieber auf den Nordostring warten? Das fragen sich manche Remsecker, die dem Bau der Westrandbrücke skeptisch gegenüberstehen. „Der Nordostring wäre eine gute Ergänzung, aber er würde nicht die große Entlastung bringen, auf die wir für die Neue Mitte hoffen“, so Frank Gericke.

Mit den beiden Projekten würden unterschiedliche Ziele bezweckt, so Priebe. „Die Westrandbrücke ist eine rein lokale Lösung, sie ist definitiv zweistreifig und im Konsens mit unseren Nachbarkommunen geplant.“ Der vierspurig geplante Nordostring verbinde zwei Bundesstraßen und sei ein Bundesprojekt von ganz anderer Dimension.

Und wenn die Bürger nein sagen?

„Dann bleibt alles, wie es ist“, sagt Karl-Heinz Balzer. Das Land habe die Zuschüsse für diese Planung zugesagt, nicht für andere. Falls sich die Bürger beim Entscheid gegen die Westrandbrücke aussprechen, fließt – oder steht – der Verkehr wie bisher auf der Neckarbrücke und also auch durch die Neue Mitte.

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