Ringen Selbst am Hochzeitstag tritt er auf die Matte

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Ewald Müller Foto: z

Kornwestheim - Wer Ewald Müller zuhört, der lernt viel über die Geschichte des Ringens in Kornwestheim – nicht nur über Hebel, Griffe und Gewichtsklassen, sondern auch über diejenigen, die den Sport ausüben. Über Zusammenhalt und über die kleinen und großen Geschehnisse, die nun einmal passieren, wenn Menschen in einem Verein zusammenkommen, und die sich im Laufe der Jahre zu Anekdoten verdichten.

Ewald Müller weiß beispielsweise von jenem Ringer aus Bayern zu berichten, der „vor Angst schlotterte“, als er anno 1959 bei den deutschen Meisterschaften gegen den jüngst verstorbenen Kornwestheimer Star Georg Utz antreten musste. Er weiß auch, dass in seiner damaligen Schulklasse die Hälfte der Schüler zum Ringertraining ging. Eine beliebte Ringer-Geschichte aus Kornwestheim handelt auch von Ewald Müllers Hochzeit im Jahr 1953. Nach der Trauung verzichtete er aufs Hochzeitsmahl, joggte bis nach Weilimdorf, um noch 500 Gramm Gewicht loszuwerden und pünktlich um 17 Uhr auf der Matte zu stehen. „Ich wog 62 Kilo und kein Gramm mehr und durfte im Federgewicht antreten“, berichtet er.

Hochzeit hin, Hochzeit her: Es ging um nichts weniger als den Aufstieg seiner ESG-Ringermannschaft in die Bezirksklasse der Landesliga. „Gegen Köngen. Da musste ich dabei sein“, sagt er.

Für all seine Verdienste im Ringersport und für 80 Jahre Vereinsmitgliedschaft in der Kornwestheimer Ringergemeinschaft, dem Athletiksportverein (ASV), und der Skizunft, in der der ASV kürzlich aufging, übergab der Skizunft-Vorsitzende Uwe Heinle dem Athleten nun die goldene Ehrennadel und die Ehrenurkunde der Zunft. Eine „nicht gerade alltägliche, ganz besondere Ehrung“ sei das gewesen, wusste Heinle zu berichten.

Ewald Müller stammt aus einem kleinen Dorf bei Crailsheim, wo man in den 30er Jahre noch Wasser per Hand aus Brunnen pumpte. 1939 kam er mit zehn Jahren nach Kornwestheim, Stadtflair, eine neue Welt. „Damals hatte Kornwestheim 15 000 Einwohner. Für mich war das groß und aufregend“, berichtet er. Müller musste sich, wie andere Jungen während der Nazizeit, für eine Sportart entscheiden – Schwimmen, Leichtathletik oder eben Ringen. Die Wahl fiel ihm leicht. Auf dem Schulweg wurde er anfangs regelmäßig verdroschen. Nachdem er, gemeinsam mit seinem Freund Hermann Bäuerle, die ersten Griffe gelernt hatte, verschaffte er sich Respekt, wie er schmunzelnd erzählt. Bald schon machte sich Ewald Müller, als Jugendlicher und junger Mann, mit der Teilnahme an zahlreichen Jugendturnieren einen Namen. Mit 24 Jahren war dann allerdings Schluss mit der aktiven Karriere. Nach einem Unfall, der eine Halswirbelverletzung nach sich zog, musste der gelernte Fensterbauer und Glaser sie an den Nagel hängen. „Das war schade“, sagt er. „So bis 27, 28 hätte ich den Sport gerne noch weiter ausgeübt.“ Fortan bildete er aus, engagierte sich als Mannschaftstrainer, Jugendleiter, half organisatorisch bei Turnieren mit. Und wie ging nun die Sache mit Köngen aus, gleichsam einer der letzten und der vielleicht wichtigste Kampf Ewald Müllers? „Ich habe verloren“, berichtet er, „gegen einen späteren deutschen Jugendmeister“. Aber die Mannschaft habe gewonnen und sei aufgestiegen. „Es war wichtig, dass ich überhaupt angetreten bin, sonst hätten wir Punkte abgeben müssen“, sagt Müller. Und betont: „Für meine Frau war das übrigens in Ordnung, die kannte mich ja.“ Lediglich seine Schwiegermutter, die sei nicht so glücklich gewesen, dass er am Hochzeitstag ihren Braten sausen ließ, erzählt das Ringer-Urgestein schmunzelnd.

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