Rudern „Ich habe geglaubt, ich werde verrückt“

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Florian Roller Foto: z/Peter Roller

Markgröningen - Eine entbehrungsreiche Zeit liegt hinter Florian Roller. Der 27-jährige Leichtgewichtsruderer aus Markgröningen und mehrfache Weltmeister hat aufgrund der Corona-Krise und der entsprechenden Vorschriften des Landes acht Wochen mit dem Rudern aussetzen müssen. Nun darf er nun wieder seiner Leidenschaft auf dem Wasser nachgehen. Die Lockerung der Einschränkungen durch die Politik bei den Outdoor-Einzelsportarten macht’s möglich. „Ich bin in den letzten 20 Jahren immer gerudert. Manchmal habe ich in den vergangenen Wochen geglaubt, ich werde verrückt – so sehr habe ich das Rudern vermisst“, sagt Roller, der in Konstanz studiert.

Sein großes Ziel sind jetzt die Europameisterschaften, die vom 9. bis 11. Oktober im polnischen Posen stattfinden sollen. Bis zum 31. Juli soll entschieden sein, ob diese tatsächlich ausgetragen werden können. Die Ruder-WM im slowenischen Bled ist bereits von August 2020 auf 2021 verschoben worden. Da längst auch alle Weltcups und ebenso alle Rennen in Deutschland abgesagt worden sind, wäre die EM der erste Wettkampf in dieser Saison – eine enorme Herausforderung für alle Teilnehmer. Allerdings bemüht sich Roller aktuell um einen Start als Gast bei den Schweizer Meisterschaften Mitte August, zumindest im Einer. Dafür müsste er für einen Schweizer Verein ins Wasser gehen.

„Die Bootshäuser sind Vereinsanlagen, und damit durften sie nicht genutzt werden“, erläutert Roller mit Blick auf die Einschränkungen, mit denen er und seine Mitstreiter sich seit Mitte März konfrontiert sahen. „Ich bräuchte nur eine halbe Minute, um das Boot rauszuholen. Aber dann darf ich es auch nicht vom Steg aus ins Wasser lassen.“ Denn auch der Bootssteg sei vom Betretungsverbot betroffen gewesen. Der Markgröninger fügt sarkastisch hinzu: „Von jeder Brücke aus dürfte ich mein Boot ins Wasser schmeißen, und auch vom Ufer aus dürfte ich überall in den See gehen. Aber damit würde ich mein Boot kaputtmachen.“

Trotz Corona hat der Master-Student fleißig trainiert – nur eben anders als sonst. Im Mittelpunkt stand das Grundlagentraining. „Wettkampfspezifische Ausdauer käme sowieso erst zwei Monate vor einer Meisterschaft“, sagt Roller. Sein Tagesprogramm umfasste beispielsweise 100 bis 150 Kilometer Radfahren oder 25 bis 30 Kilometer Laufen. „Oder eine Runde Ruder-Ergometer, so 60 bis 100 Minuten“, sagt Roller. Manchmal habe er aber auch durchgemischt. „Dann ist es vielleicht nur eine Stunde Ergo gewesen, dafür dann noch 60, 70 Kilometer Radfahren“, sagt er. Zuletzt plagte ihm beim Joggen allerdings ein geschwollener Knöchel.

Weil er mit dem Boot nicht aufs Wasser durfte, ruderte Roller kurzerhand auf dem Parkplatz vor seiner Studentenbude in Konstanz. „Wenn ich auf dem Ergometer bin, habe ich immer das Tablet dabei. Action-Filme sind dabei am besten, so etwas wie Herr der Ringe oder The Fast and the Furious. Wo nicht so viel geschwätzt wird und man einfach gucken kann und nicht so zuhören muss.“

Bei den Einheiten mit dem Ruder-Ergometer auf dem Parkplatz ist aber auch sonst einiges geboten gewesen. „Ich wohne ein bisschen außerhalb, direkt am Wald. Da kann ich zuschauen, wie die Leute mit ihren Hunden Gassi gehen oder wie das Eichhörnchen vorbeikommt. Auch der Hund vom Vermieter kommt her, bellt zweimal und geht wieder“, erzählt Roller.

Doch die Sehnsucht nach dem Rudern war groß. Gerade als Binnenländer, der daheim bei der Stuttgarter Rudergesellschaft den ruhigen Neckar zwischen Untertürkheim und Bad Cannstatt gewöhnt ist, sieht er das Training auf dem Bodensee als Bereicherung. „Normalerweise fahre ich auf dem Stück zwischen Daimler und Wasen“, sagt Roller. „Aber wer nur so flaches Wasser kennt, muss sich bei Wettkämpfen an die Wellen gewöhnen. Und weil der Bodensee so groß und frei ist, gibt es da schon ganz ordentliche Wellen.“

Immer wieder hat er in den vergangenen Wochen Surfer und Kanufahrer auf dem Bodensee gesehen, während ihm selbst als Ruderer nur der sehnsüchtige Blick blieb. Sein Boot sei eben technisch aufwendiger und brauche eine entsprechend schonende Behandlung – am Anfang und am Ende einer Trainingseinheit stehe nun mal der Bootssteg, so Roller.

Der Markgröninger, der 2015, 2016 und 2018 mehrere WM-Titel gewann, steht voll im Saft und will noch mal angreifen – vielleicht zum letzten Mal. „Aber wahrscheinlich hänge ich das nächste Jahr noch dran“, sagt er und lacht. „Ob ich danach ein Leben ohne Meisterschaften will, weiß ich jetzt noch nicht.“

Für die Leichtgewichtsklassen, in denen Roller startet, darf er im Einer maximal 72,5 Kilogramm, im Mannschaftsboot egal welcher Größe nur 70 Kilogramm wiegen. „Ich hab’s ganz gut“, sagt er. „Ich wiege sowieso immer nur 72 bis 73 Kilo, auch im Winter. Manche Kollegen legen in der Zeit aber schon mal auf 80 Kilo zu und müssen dann wieder abnehmen.“

Sobald man wieder rudern könne, werde er jeden Tag auf dem Wasser sein, hatte er sich vorgenommen. Jetzt darf er wieder. „Ansteckungsgefahr gibt es doch eigentlich überhaupt keine. Im Boot bin ich im Training allein, und um das Boot herum, das allein mehrere Meter lang ist, hält jeder noch mal Sicherheitsabstand.“

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