Schach Kornwestheimer spielen mehr als 100 000 Züge online

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Julian Maisch: Schach auf allen Kanälen Foto: z

Kornwestheim - Die Schachuhr zeigt nur noch einige Sekunden. Schnell wird der Springer gezogen. Prompt die Reaktion: Schach! Nur noch wenige Züge bis zum Matt. Eine normale Schachpartie an einem üblichen Trainingsabend? Nicht ganz. Die beiden Kornwestheimer Schachspieler sitzen sich nicht wie gewohnt in den Räumen des Hauses der Musik gegenüber, sondern sind jeweils zu Hause vor dem Computerbildschirm. Die Partie findet online statt.

Wie so viele andere Bereiche haben die Einschränkungen durch Corona auch den Vereinsalltag der Schachfreunde Kornwestheim stark verändert. Anders als viele andere Aktivitäten kann man Schach allerdings auch online ausüben. Und so haben die Kornwestheimer Schachspieler schnell reagiert, als das Vereinsleben unterbrochen wurde. Sofort wurden im Jugendbereich Online-Turniere gestartet, die einen Ersatz für das gemeinsame Spielen vor Ort bieten sollten. Diese Turniere finden seither durchgehend zweimal die Woche statt. „Insgesamt wurden so in den vergangenen Wochen bereits 102 645 Züge in 1818 Partien online gespielt. Rund 40 Spieler waren bereits aktiv“, berichtet Spielleiter Julian Maisch.

Online-Angebote haben in der Schachwelt auch vor der Coronazeit bereits eine große Rolle gespielt. Es gibt zahlreiche Angebote zum Spielen, Lernen und Zuschauen. In der Vergangenheit war es die Ergänzung zum „Schach am Schachbrett“. Nun ist es die Hauptattraktion. Die Nutzerzahlen auf den verschiedenen Plattformen sind seit Beginn der Corona-Pandemie nochmals deutlich in die Höhe geschnellt und brachten die Server teilweise an die Grenze der Belastbarkeit. „Trotzdem läuft alles stabil“, betont Maisch.

Bei den Schachfreunden wurde auch für den Trainingsbetrieb ein Online-Ersatz aufgebaut. Im Normalfall bekommen jede Woche rund 60 Kinder und Jugendliche Schachunterricht von den Kornwestheimer Trainerinnen und Trainern. Per Videochat findet das Training nun weiterhin im Einzelunterricht oder in Kleingruppen am Bildschirm statt. Die Resonanz ist gut. Auch wenn sich sowohl Schüler wie auch Trainer an das neue Format gewöhnen mussten. Das Online-Training ist auch nicht für jeden das Richtige. „Es ist eben doch nicht dasselbe, wie sich wirklich zu treffen“, sagt Maisch.

Die Online-Aktivitäten bieten aber auch neue Möglichkeiten. Ihre Reichweite zum Beispiel ist nicht auf die Kornwestheimer Region beschränkt ist. „So konnte sich sogar ein in Australien lebendes Vereinsmitglied mit einschalten und war beispielsweise beim ersten bezirksweiten Online-Teamwettbewerb gemeinsam mit den Schachkollegen aus der Heimat am Start“, freut sich Maisch. Das Team der Schachfreunde platzierte sich dabei sogar ganz oben in der Tabelle.

Diese Wettbewerbe bieten einen kleinen Ersatz für die zahlreichen abgesagten Turniere. Im Vordergrund steht aber hier weniger der Konkurrenzgedanke als vielmehr der Spaß am gemeinsamen Spiel. Auch vom Deutschen Schachbund und besonders der Deutschen Schachjugend gibt es zahlreiche Angebote. Entwickelt hat sich etwa das Vergleichsturnier der Landesschachjugenden, das alle zwei Wochen gespielt wird. Bei den bisherigen Austragungen gingen auch Kornwestheimer Jugendlichen für die Württembergische Schachjugend auf Punktejagd und maßen sich mit über 600 Teilnehmern aus ganz Deutschland.

Daneben gab es auch ganz offizielle Turniere vom Deutschen Schachbund wie die deutsche Internet-Meisterschaft. Nach den Qualifikationsturnieren ergab sich ein hochkarätiges Teilnehmerfeld. Bei der deutschen Internet-Schach-Amateurmeisterschaft wurde ein ähnliches Turnier, begrenzt nach Wertungszahl, gespielt. So hatte jeder Vereinsspieler die Chance, sich mit Spielern einer ähnlichen Spielstärke zu messen. In der höchsten der drei Wertungsgruppen trat auch Julian Maisch aus Kornwestheim unter knapp 200 Spielern an, verpasste die Qualifikation für das Finalturnier aber knapp.

Nach dem Finale zeigte sich aber auch das wahrscheinlich größte Problem mit dem wettkampforientierten Online-Schach: Die beiden ursprünglich Erstplatzierten wurden disqualifiziert. Eine Auswertung des Ausrichters zeigte an, dass ein Schach-Computerprogramm als unerlaubtes Hilfsmittel eingesetzt wurde. „Der Computer ist nicht nur ein wichtiges Hilfsmittel im Spiel- und Trainingsbetrieb, die Spielstärke von heutigen Schachprogrammen übersteigt auch die von menschlichen Spielern“, sagt Maisch. Das sei wichtig zur Analyse der eigenen Fehler nach Ende der Partien. Während des Spiels ist die Computerunterstützung natürlich verboten. „Zu Hause, wenn man sowieso schon am Computer spielt, ist die Hürde zum Betrug potenziell niedriger“, fügt Maisch hinzu. Dennoch, die große Mehrheit der Schachspieler spiele auch online fair.

Auch auf großer Bühne gab es bereits die ersten neu entworfenen Online-Turniere. Nach Einladung von Weltmeister Magnus Carlsen wurde zuletzt das erste Onlineturnier der Weltklasse gespielt. Der Preisfond: 200 000 Dollar. Zwei Wochen spielten acht Großmeister dabei aus dem eigenen Wohnzimmer am digitalen Schachbrett. Die mitlaufenden Webcams übertrugen die Gesichtsausdrücke der Spieler. „Eine gelungene Initiative“, findet Maisch. Etwas änderte sich aber auch online nicht: Am Ende setzte sich der Weltmeister selbst durch.

„Durch die vielfältigen Onlinemöglichkeiten gelingt es im Schach vergleichsweise gut, ein Ersatzangebot aufzubauen“, sagt Julian Maisch. Trotzdem freut sich auch bei den Schachfreunden jeder darauf, wenn wieder das Holzschachbrett zum Einsatz kommt.

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