Zwei gehörlose Frauen über ihre Ausgrenzung „Wir mussten auf den Händen sitzen“

Von Hilke Lorenz
Patricia und Edith Wahl sagen in Gebärdensprache: „Mut... Foto: /Andreas Reiner

Still ist es, wenn Patricia Wahl erzählt. Hin und wieder ist die Andeutung eines gehauchten Flüsterns zu hören, in dem es jedoch nur Konsonanten und keine Vokale gibt. Was man hört, ist das Klappern der Anhänger an ihrem silbernen Armband. Die schlagen wild aneinander, wenn die 51-Jährige mit energischer Geste die rechte Faust gegen die Brust schlägt. Die Faust vor der Brust, das heißt „Mut“. Die Gebärdensprache ist eine extrovertierte Art und Weise, um sich auszudrücken. Sie ist eine Mischung aus Mimik, Augenausdruck, Lippenbewegungen und den Bewegungen, wie Patricia Wahl sie jetzt mit den Händen macht. Kraftvoll und selbstbewusst zugleich wirkt das.

Dass Patricia Wahl diese Sprache nutzt, war lange Jahre alles andere als selbstverständlich. Erst seit 2002 ist sie in Deutschland offiziell als Sprache anerkannt. Auch in der Schule für Gehörlose hieß das für die Schülerinnen und Schüler in den Jahrzehnten davor: Sie mussten sprechen lernen, ohne hören zu können. Die sogenannte orale Methode galt als Weg zur Integration. Damals gab es noch wenig technische Hilfsmittel wie Implantate oder ausgefeilte Hörgeräte. Und das gesellschaftliche Klima war nicht so offen gegenüber der Gebärdensprache, wie Johannes Hennies es heute wahrnimmt. Er lehrt an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik und hat die Geschichte seines Fachs erforscht.

Demütigung in der Klasse

Wie demütigend viele Gehörlose über Jahrzehnte ihre Schulzeit erlebt haben, wollen Patricia Wahl und ihre Mutter Edith erzählen. Ein Gespräch wie dieses bedarf der Planung, wenn beide wie jetzt einem hörenden und der Gebärdensprache nicht kundigem Menschen gegenübersitzen. Es braucht Vorlauf, um eine Gebärdendolmetscherin in Leonberg mit an den Tisch zu bringen. Etwa 90 Gebärdendolmetscherinnen und -dolmetscher gibt es in Baden-Württemberg. Zu wenig, denn eine App oder eine Videokonferenz per Dolmetscher auf Abruf sind keine Hilfe, wenn man sich sehen und wirklich begegnen will. Jeder Arztbesuch, jede Erledigung wird so zu einer logistischen Herausforderung.

Die Kraft und die Lebensfreude, die Patricia und ihre Mutter Edith dennoch ausstrahlen, geht einher mit einer gehörige Portion Unmut. Beide erzählen auch eine über die eigene Biografie hinausweisende Emanzipationsgeschichte – und von unermüdlichen Versuchen, die eigenen Möglichkeiten im Leben immer wieder neu auszuloten. Beide sind hörend geboren und haben erst im Kindergartenalter das Gehör verloren. Und erstaunlicherweise erzählen beide sehr ähnliche Dinge, obwohl fast vier Jahrzehnte zwischen ihren Schulzeiten liegen.

Edith Wahl wird 1935 in Rottweil geboren. Sieben Geschwister sind sie, einer der Brüder ist ebenfalls fast taub. Das Mädchen wächst bei den Großeltern auf. Als Edith das Gehör verliert, kommuniziert die Großmutter mit ihr über Gesten oder berührt sie einfach, wenn sie ihr etwas zeigen will. Es scheint, als habe die Großmutter sehr liebevoll das Beste aus der veränderten Situation gemacht. Und vor allem hat sie, so ist es in der Familiengeschichte überliefert, Edith und ihren Bruder immer wieder versteckt. Im Rahmen des Erbgesundheitsgesetzes der Nationalsozialisten wurden etwa 15 000 gehörlose Menschen zwangssterilisiert. Edith und ihr Bruder blieben verschont.

Edith geht zunächst mit den anderen Kindern in den Kindergarten. In der Volksschule kümmert sich ein Lehrer intensiv um sie, spricht gezielt mit ihr, damit sie ihm von den Lippen ablesen kann. Doch das wird irgendwann zu mühsam und wohl auch zu zeitaufwendig. Schließlich gibt er auf und sagt, Edith müsse in eine andere Schule.

Sie kommt mit acht Jahren nach Heiligenbronn in den Schwarzwald. Die Taubstummenschule, wie man 1943 noch sagt, ist eine von 14 im Land. „Ich wollte da nicht hin, ich habe geweint“, erinnert sie sich. Denn was zu ihrem Besten sein soll, bedeutet die Trennung von der vertrauten Welt. Nur an Weihnachten, Ostern und in den Sommerferien darf das Mädchen nach Hause. Bis sie 15 ist, bleibt sie dort im Internat. Danach lernt sie das Schneiderhandwerk, danach arbeitet sie auch in diesem Beruf und geht nicht wie gewünscht als Haushalthilfe in die Familie eines Onkels. „Sie näht wunderschöne Kleider“, sagt ihre Tochter.

Edith heiratet einen gehörlosen Mann

Der Mann, den Edith heiratet, ist auch gehörlos. 1953 kommt Tochter Patricia zur Welt. Im Kindergarten fällt auf, dass die Tochter nach vielen Mittelohrentzündungen nicht mitsingt, wenn die anderen singen. Die Ärzte in Tübingen stellen schließlich fest: Das Kind ist ertaubt. Die Eltern ziehen nach Stuttgart, damit es dort in eine Gehörlosenschule gehen kann. Aber die Schule passt nicht zu Patricia. Auch sie geht schließlich auf ein Internat, weil es sonst keine andere Möglichkeit gibt. Die Eltern entscheiden sich für St. Josef in Schwäbisch Gmünd. 1977 wird die Tochter dort eingeschult. 1986 hat sie den Hauptschulabschluss, geht auf die Berufsfachschule, macht die Mittlere Reife, lernt erst Datentypisten, dann Sattlerin.

Im Sommer sind es 30 Jahre, dass sie in dem Unternehmen arbeitet, bei dem sie die Lehre gemacht hat. Aber dafür fordert sie auch etwas ein. „Ich kann das genauso gut“, sagt sie selbstbewusst, wenn es um neue Aufgaben geht. „Man muss viel mehr aufklären und informieren, damit man uns nicht immer so in einen Ecke stellt“, sagt sie. Wofür habe sie denn schließlich die Qualifikation bis zur Meisterin erlangt. Es geht ihr nicht darum, irgendeinen Job zu haben, wie es Gehörlose oft zu hören bekommen. Sie will, was den Hörenden auch zusteht.

Edith Wahl hätte ihre Schulgeschichte und damit auch ihre Bildungsbiografie, die bis heute nachwirkt, für sich behalten. Ihre Maxime lautet lange: Das geht niemanden etwas an. Und vor allem interessiere das doch niemanden. Auf der Straße vermied sie lange, in der Gebärdensprache zu sprechen. Als Affensprache tun manche, so ihre Erfahrung, diese komplexe und anderen Sprachen ebenbürtige Sprache ab. Wer sich so verständige, so eine weitere Erfahrung, werde für dumm gehalten. Lebhaft sei es in der Familie erst in den eigenen vier Wänden zugegangen, sagt ihre Tochter Patricia.

Es ist Patricia Wahl, die vom Projekt „Aufarbeitung Zwangsunterbringung“ des Landes Baden-Württemberg erfahren hat. Das Landesarchiv hat dafür zwei Jahre bis 2021 im Auftrag von Menschen recherchiert, die von 1949 bis 1975 in Heimen der Behindertenhilfe und der Psychiatrie untergebracht waren. 188 Fälle untersuchten die Archivarinnen. In diesem Rahmen war Edith Wahl zum ersten Mal bereit, ihre Erfahrungen mitzuteilen. Wie sie in der Schule aufessen musste – bis zum Erbrechen. Und dann das Erbrochene essen musste. Wie sie geschlagen wurde und es ihr verboten war, mit Gebärden zu sprechen. „Wir mussten auf den Händen sitzen, damit wir sie nicht zum Sprechen nutzen konnten.“

Sie wurden gezwungen, Laute hervorzubringen

Stattdessen zwang man sie, Laute hervorzubringen. Um ein Gespür für die Töne zu bekommen, drückten die Lehrerinnen und Lehrer mit dem Finger ganz fest auf die Stelle, wo der jeweilige Laut gebildet wird – am Hals und im Gesicht. Es sind Ohnmachtserfahrungen, von denen Edith Wahl berichtet.

Als zweifellos in vielen Fällen grenzübergreifend bezeichnet der Erziehungswissenschaftler Johannes Hennies diese Methode aus heutiger Sicht. Es habe jedoch auch Lehrerinnen und Lehrer gegeben, die versuchten, den Kindern die Laute spielerisch beizubringen. Hennies beschäftigt die Frage: „Wie konnte es sein, dass diese Methode dann häufiger in Gewalt mündete?“

In der verqueren Sicht, alle Kinder könnten perfekt sprechen lernen und einer unrealistischen Erwartungshaltung der Pädagogen, sieht er den Nährboden für Gewalt. „Es ist eine Methode für eine Minderheit“, sagt Hennies. Für jene, die besonders talentiert waren. Für die anderen gab es keine Alternative. Sie mussten „durch die tägliche Mühe gehen, es jeden Tag neu zu versuchen“. Und wie immer kam es wohl auch darauf an, ob Pädagogen die Begegnung mit Kindern als eine auf Augenhöhe begriffen haben. „Der respektvolle Umgang ist eine Frage der Haltung gegenüber Kindern“, so Hennies.

Die Stiftung St. Franziskus – Rechtsnachfolgerin des Klosters Heiligenbronn – hat mittlerweile Verantwortung für die Missbrauchs- und Gewalterfahrungen der ehemaligen Heimkinder übernommen, wie Edith Wahl eines war. Die Stiftung unterstützte zusammen mit dem Landesarchiv die Recherchen Betroffener und stellte Bescheinigungen aus, mit denen die Betroffenen Mittel aus der Stiftung sowie Anerkennung und Hilfe bekommen konnten.

Wessen Schulzeit wie die von Patricia nach 1975 liegt, geht jedoch leer aus. Auch sie berichtet von Schlägen und vom Verbot, in der Schule gebärden zu dürfen. Nur auf dem Schulhof war es erlaubt. Aber nur, wenn es nicht all zu wild dabei zuging. Vor dem Schwimmunterricht mussten die Mädchen duschen. Nackt vor den Augen der Nonnen. Patricia Wahl empfand das als Missbrauch. „Ich hatte das Gefühl, für die Frauen war das eine Art Selbstbefriedigung.“

Dreimal hat Patricia Wahl sich beim Entschädigungsfond gemeldet. Dreimal wurde sie abgelehnt. „Mir geht es nicht ums Geld“, sagt sie. Auch nicht um Rache. „Irgendwann werden sich die Lehrerinnen von damals für ihr Tun verantworten müssen.“ Patricia Wahl lebt ohne Hass. Der nehme einem ja die Lebensfreude, sagt sie. Aber sie will die Anerkennung dessen, was ihr zugefügt wurde.

Der Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) hat sich unlängst im Wissen, damit nichts ungeschehen machen zu können, bei allen Betroffenen im Namen der Landesregierung für das erlittene Unrecht entschuldigt: „Es sind unfassbar schreckliche Geschichten, die ans Licht gekommen sind.“

Dieser Text erschien erstmals am 18.05.2022.

Fotostrecke
Artikel bewerten
0
loading