Ludwigsburg/Südtirol Die Überlebenden finden keinen Frieden

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Am 28. Dezember 2019 verschüttete eine Lawine im Tiroler Schnalstal mehrere Menschen – eine Frau und zwei Kinder kamen ums Leben. Auch in diesem Fall ermittelt die Bozener Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung. Foto: dpa/Uncredited

Ludwigsburg/Bozen - Es ist ein sehr trauriger Jahrestag. Zwei Jahre sind seit dem Lawinenunglück auf der Haideralm in Südtirol vergangen, aber der 3. Januar 2018 wird wohl für alle Zeiten ein Tag bleiben, der das Leben vieler Menschen für immer verändert hat. Das gilt in erster Linie für die Angehörigen der Menschen, die damals ums Leben kamen. Es gilt auch für alle anderen Skifahrer, die am Berg waren, als sich die Schneemassen lösten und eine 45-jährige Mutter und ihre elfjährige Tochter aus dem Raum Ludwigsburg begruben. Es gilt auch für die Schneeläuferzunft, denn die Toten waren Mitglieder des Ludwigsburger Vereins.

Sie alle – der Familienvater, die Skifahrer, der Verein – wollen sich heute, aus verständlichen Gründen, nicht mehr öffentlich zu der Tragödie äußern. Abschließen mit den Ereignissen kann allerdings keiner von ihnen, was auch daran liegt, dass die italienische Justiz noch gegen die Skifahrer ermittelt.

Die Entscheidung rückt näher

Das fahrlässige Auslösen einer Lawine ist in Italien eine Straftat, deshalb muss die Staatsanwaltschaft in Bozen klären, ob jemand für die Ereignisse am 3. Januar 2018 verantwortlich ist. Offenbar rückt die Entscheidung näher: „Aus dem Gutachten ergibt sich deutlich – meiner Meinung nach – eine Verantwortung der Gruppe der Skifahrer“, sagt dazu der zuständige Richter Walter Pelino.

Neun Skifahrer aus Ludwigsburg und Umgebung waren an diesem Tag auf der Haideralm unterwegs, auch abseits der Piste im Tiefschnee. Zunächst bei gutem Wetter, doch dann wurde die Sicht schlechter, es begann zu schneien, wurde windiger. Um 14.04 Uhr löste sich auf 2600 Metern auf einer Länge von 150 Metern ein Schneebrett.

Die Lawine rutsche den Berg hinab und begrub auf 2100 Metern drei Menschen aus der Gruppe. Einer konnte sich befreien, doch für die 45-jährige Mutter und ihre elfjährige Tochter kam jede Hilfe zu spät. Die Bild-Zeitung ließ danach einen Bergretter zu Wort kommen, der den Skifahrern harte Vorwürfe machte: Die Ludwigsburger seien übermütig gewesen und hätten die Lawine selbst ausgelöst, sagte der Mann. Ein Lawinenexperte der seriösen italienischen Nachrichtenagentur Ansa hingegen gelangte nach seinen Recherchen zu einer ganz anderen Einschätzung: Weil das Schneebrett 500 Meter oberhalb der Skifahrer abgerissen sei, sei es extrem unwahrscheinlich, dass die Ludwigsburger für das Unglück verantwortlich seien.

Wer abseits der Piste eine Lawine auslöst, begeht eine Straftat

Auch die Staatsanwaltschaft hat recherchiert. Eine bedeutende Rolle für die juristische Bewertung spielt ein Gutachten eines renommierten Lawinenforschers. Zum konkreten Inhalt äußert sich der Richter nicht, wohl aber zu den Konsequenzen: „Der Staatsanwalt wird wahrscheinlich die Einleitung des Hauptverfahrens beantragen“, sagt Pelino.

Die Skifahrer müssen also nicht nur ihre Trauer verarbeiten, sondern befürchten, dass es in Italien zu einem Prozess kommt – und mit dieser Furcht müssen sie nun schon seit zwei langen Jahren leben. Gegen wen sich die Ermittlungen konkret richten, sagt Pelino nicht. Vor zwölf Monaten erklärte die Staatsanwaltschaft in Bozen dazu: „Wir ermitteln gegen alle Personen, die an der Abfahrt abseits der Piste teilgenommen haben, wobei noch festgestellt werden muss, wer eine ausschlaggebende Rolle eingenommen hat.“ Noch sei nicht abschließend geklärt, „ob zulasten der beschuldigten Personen Merkmale von Nachlässigkeit, Unvorsichtigkeit beziehungsweise Untüchtigkeit zu erkennen“ seien.

Verboten war die Fahrt durch den Tiefschnee nicht. Wer aber abseits der Piste eine Lawine auslöst, begeht nach italienischem Recht eine Straftat. Wenn dabei Menschen sterben, kommt ein weiterer Vorwurf hinzu: fahrlässige Tötung. Auf dieser Grundlage verurteilte die italienische Justiz 2018 einen deutschen Bergführer nach einem Lawinenunglück zu acht Monaten Gefängnis auf Bewährung.

Italien kann die Auslieferung der Beschuldigten verlangen

Das ist kein Einzelfall. In den vergangenen Wochen wurden in den Alpen mehrere Menschen in den Tod gerissen, in mindestens einem Fall ist die Justiz schon aktiv: Nach einem Unglück am 28. Dezember 2019, bei dem in Südtirol eine Frau und zwei Kinder starben, hat die Staatsanwaltschaft in Bozen sofort Ermittlungen wegen des Verdachts auf mehrfache fahrlässige Tötung aufgenommen.

Es handelt sich mithin um dieselbe Behörde, die bereits seit zwei Jahren gegen die Skifahrer aus dem Raum Ludwigsburg ermittelt. Dem Prozess entziehen können sich die Beschuldigten nicht. Wenn der Bozener Staatsanwalt tatsächlich wegen fahrlässiger Tötung Anklage erhebt, kann Italien von Deutschland die Auslieferung der Beschuldigten verlangen. „Die unklare Situation zehrt an den Nerven aller Beteiligten“, sagt ein Mann aus dem Umfeld der Ludwigsburger Gruppe. „Dabei brauchen diese Leute doch vor allem Frieden – endlich etwas Frieden.“

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